Samstag, 15. März 2008

Weltanschauung, Fakten und Wissenschaft

Kloty meldet sich erneut:

„aber Sie investieren so viel Zeit in Diskussion mit mir“

Solche Dispute gehören zu meinem Beruf, auch wenn ich nicht mit jedem Geld verdiene.

„dass ich nicht umhin komme Ihnen zu antworten.“

Wie ich an den Kommentaren sehe, scheint sich tatsächlich der eine oder andere dafür zu interessieren. Nichtsdestotrotz denke ich, daß sich dieser Mailwechsel nunmehr erschöpft. Dafür gibt es zwei Gründe:
Erstens fällt die letzte Antwort Klotys nach meiner Bewertung reichlich chaotisch aus, einem Studenten würde ich diesen Text zur Überarbeitung zurückgeben.
Zweitens finden sich darin zwei Behauptungen, die der Wahrheit nicht entsprechen und über die deshalb auch keine Diskussion möglich ist, die ich aber gleich eingangs erwähnen möchte.

„Den Historiker interessiert nicht die Nationalität der teilnehmenden Seiten, er reduziert/extrahiert das historische Ereignis auf Fakten und Faktoren“

Ich möchte an dieser Stelle kein Referat über Wissenschaftstheorie liefern. Was ist eigentlich Wissenschaft? Aber gewiß wurde bislang noch keine erfunden, in der es keine Dispute gäbe. Bezüglich des erwähnten Faches widerlegt die Behauptung Klotys bereits die Erinnerung an den Historikerstreit in den 80er Jahren.

„In der Verfassung der Sowjetunion gab es theoretisch die Möglichkeit, daß eine Republik austreten könne. Diese Möglichkeit hat ein EU-Staat nicht.“

Wie Kloty auf diese Weisheit kommt, ist mir schleierhaft. Da Frankreich und die Niederlande die EU-Verfassung in Referenden abgelehnt haben, gibt es keine. Der Vertrag von Lissabon ist noch nicht überall ratifiziert. Ob und wie ein Staat die EU verläßt, hängt also vor allem an nationalem Recht. Mir ist trotz verbreiteter EU-Ängste und –Phobien, die es in allen Mitgliedstaaten gibt, nicht bekannt, daß es eine Bewegung für einen Austritt in einem Mitgliedsland gäbe oder gegeben hätte. Aber wo bitte steht, daß der Austritt von Brüsseler Seite untersagt ist?

„Das was die Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg auf sich genommen hat und sich verantwortlich für die Verbrechen des Naziregimes erklärte, ist sehr lobenswert, doch leider auch recht einmalig in der Weltgeschichte. Welche Kolonialmacht hat den schon ihre ehemaligen Kolonien entschädigt, Großbritannien, Frankreich, Italien, Niederlande, Spanien, Portugal? Hat Deutschland die Opfer der Kolonialzeit in Namibia entschädigt? Hat USA ihre afro-amerikanische Bevölkerung für die Zeit der Sklaverei entschädigt?“

Die totale Niederlage im Zweiten Weltkrieg und die Beispiellosigkeit der Verbrechen des Nationalsozialismus ist sicher die Ursache, warum Deutschland in der Aufarbeitung der Vergangenheit ziemlich vorbildlich ist. Nichtsdestotrotz hat sich z. B. der neue australische Ministerpräsident Kevin Rudd jüngst bei den Aborigines entschuldigt.
Kloty beginnt an dieser Stelle faktisch mit einer Argumentation der Aufrechnung. Weil die USA wie auch die Kolonialmächte Böses verbrochen haben, ist das sowjetische Handeln nicht so schlimm? Warum folgt Rußland nicht dem guten deutschen Vorbild? Aber m.E. ist das Bewußtsein, welche Folgen das Handeln in früheren Jahrhunderten gezeitigt hat im Westen doch wenigstens vorhanden; sowohl für Minderheiten als auch für die Dritte Welt wird etwas getan, wobei ich keineswegs von Verhältnissen spreche, die ich für gerecht oder angemessen hielte. Die Russen aber sehen in den Balten nach wie vor Verschwörer. Während im Westen niemand ernsthaft leugnet, daß es in Kolonialreichen um Macht ging, haben die Sowjets vorgegeben, für die richtige Sache zu kämpfen.

„Eine illegitime Sowjetregierung und die estnische Regierung erkannten sich gegenseitig an, als erste Staaten überhaupt. Es stellen sich sofort mehrere Fragen: Kann es denn nicht sein, dass die legitime Regierung Russlands durch den Putsch der Bolschewisten von 1918-1991 ausser Kraft gesetzt worden war und deswegen nicht für die Taten der Sowjetunion (unter anderem Okkupation des Baltikums) verantwortlich gemacht werden kann? Wie wirksam ist die gegenseitige Anerkennung von zwei sonst von niemanden anerkannten Staaten?“

Ein Parforceritt durch das internationale Recht! Jetzt ist also plötzlich eine nicht mehr vorhandene illegitime Regierung Schuld! Nebenbei sei erneut betont, daß in den baltischen Ländern niemand gegenüber Einzelpersonen russischer Herkunft eine Rechnung aufmacht. Aber wie definiert sich nach Klotys Ansicht ein unabhängiger Staat? Durch eine demokratisch gewählt Regierung? Dann gäbe es erheblich weniger als 192 Staaten auf der Welt! Nordkorea, Nordzypern und Kosovo lassen grüßen. Von mir aus auch China, die Westsahara und Osttimor. Diplomatie und die Macht des Faktischen sind hier die wesentlichen Faktoren, weniger die Akzeptanz der Regierung in der eigenen Bevölkerung.

„wie Sie wissen, bestehen Gebietsansprüche Estlands an Russland gemäß dem Frieden von Tartu“

Und wie Sie wissen haben die Esten und Letten bereits in den 1995 paraphierten Grenzverträgen auf alle Ansprüche verzichtet. Einzig hat Rußland unter allen möglichen Vorwänden diese Texte ewig lange nicht ratifiziert.

„Wie gesagt, mir erschliesst sich bis jetzt nicht, was ein lettischer Denkmal, der zugegebenermassen sich mit der gleichen Thematik auseinandersetzt, mit den gewaltsamen Protesten der russisch-sprachigen Bevölkerung in Estland zu tun hat und den Polizei und Geheimdienstrepressionen als Antwort?“

Das habe ich in epischer Breite im ersten Text erklärt.

„Waren Sie in der letzten Zeit in USA? Sind Ihnen denn nicht die spanischen Unterschriften auf allen Schildern aufgefallen? USA haben sich hier der Realität gebeugt, dass viele Einwanderer nicht die Landessprache lernen, sondern weiterhin ihre Muttersprache sprechen. Und Sie wissen doch genauso gut wie ich, wie es um die Deutsch-Kenntnisse vieler gebliebener ehemaliger Gastarbeiter in Deutschland steht.“

Ich war überhaupt noch nie in den USA, nur in Kanada. Die Parallelgesellschaften habe ich aber bereits erwähnt. Kloty sollte nicht vergessen, daß die Russen im Baltikum mit Hinweis auf den Status des Schwedischen in Finnland Russisch als zweite Staatssprache anerkennt sehen wollen. Wenn wir schon bei einem Vergleich sind, dann hieße dies, daß alle Einwohner der USA Spanisch sprechen, die Latinos es als zweite Staatssprache verlangen, sich aber weigern, Englisch zu lernen. Während in Finnland das Leben ohne Finnisch anstrengend würde, wäre es in Irland nur mit Gälisch wohl noch schwieriger. In Finnland und Irland kommt man also nicht unbedingt durch, wenn man nur eine der offiziellen Staatssprachen beherrscht. In Estland kommt man aber mit der nicht offiziellen Staatssprache Russisch besser durch als mit der Staatssprache! Erstere spricht fast jeder, die Staatssprache aber nicht.

„Wenn ich diese Zeilen lese, kommt mir der Spruch von Ronald Reagan vom "Imperium des Bösen" in den Sinn (...) Ich denke die Geschichte über die Sowjetunion ist noch viel zu emotional besetzt, um wissenschaftlich verarbeitet zu werden (...) Erst die Generationen von Historikern nach uns werden die Frage beantworten können, ob alles an Herrschaftsmethoden der Sowjetunion schlecht war, oder einiges besser gelöst wurde, als in EU oder anderswo.“

Für was soll dies ein Argument sein? Die Staaten im Osten sind zusammengebrochen, nicht jene im Westen. Die Menschen wollten mehr Wohlstand und auch Freiheit. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß heute viele mit dem Ergebnis eher weniger zufrieden sind. Bärbel Bohley sagte einmal, „wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“. Auch Kloty bezeichnet sich ja als links. Ich habe nichts gegen Idealismus und Ideale oder nennen wir es Werte. Doch während Marx den Zusammenbruch des Kapitalismus prophezeit hat, half Lenin mit Gewalt nach. Ich bin nicht der Ansicht, daß man mit Gewalt Gerechtigkeit durchsetzen kann.

„Sie schreiben doch gerne Briefe an Politiker.“

Nein. Ich habe nur bei Ulla Jelpke gegen die Erwähnung meines Buches protestiert, was zu einer ähnlichen Diskussion wie dieser führte.

„Zum Schluss noch ein Wort zu Ihren Phantasien bezüglich der Deportation der russisch-sprachigen Bevölkerung nach der Erlangung der Unabhängigkeit. Sie wissen genau mit was der letzte Versuch der Vertreibung in Europa, nämlich der der Kosovo-Albaner geendet hat. Hätten Sie gerne ein ähnliches Szenario im Baltikum gehabt? Glücklicherweise war selbst der am nationalistischsten denkende herrschende Politiker sich der Folgen bewusst, die solch eine Deportation angerichtet hätte. Die Nichtaufnahme in die EU wäre nur der geringste Schaden gewesen. Ich wäre mir nicht sicher, ob die Landkarte Estlands heute so aussehen würde, wie sie jetzt aussieht.“

Ja, eben. Da sind wir uns einmal völlig einig. Estland ist ein demokratisches Land, welches seine Bewohner nicht deportiert und interniert – im Gegenteil zur Sowjetunion.

Schließlich verstehe ich nicht, warum Kloty nicht solche Aspekte als Aufrechnung in seiner Argumentation anführt, die ganz allgemein umstritten sind – etwa die Rolle der USA im Irakkrieg?

Kommentare:

kloty hat gesagt…

„In der Verfassung der Sowjetunion gab es theoretisch die Möglichkeit, daß eine Republik austreten könne. Diese Möglichkeit hat ein EU-Staat nicht.“

Wie Kloty auf diese Weisheit kommt, ist mir schleierhaft.


Das war ein Zitat vom Professor für Politikwissenschaft an der Uni Mannheim Egbert Jahn, vielleicht haben Sie von ihm gehört.

Kloty beginnt an dieser Stelle faktisch mit einer Argumentation der Aufrechnung.

Die Aufrechnung steht im sogenannten Weissbuch, das die "Okkupationsschäden" auflistet und eine detaillierte Rechnung präsentiert. Dieses Weissbuch ist von den Servern des estnischen Aussenministeriums zu beziehen, ich schliesse daraus, dass das offizielle Politik Estlands ist. Also bitte nicht den Bock zum Gärtner machen.

Aber wie definiert sich nach Klotys Ansicht ein unabhängiger Staat?

Ein unabhängiger Staat wird durch Anerkennung anderer unabhaengiger Staaten anerkannt. In diesem Fall erkannten sich zwei Staaten an, die sonst von niemandem anerkannt wurden. Ein Gedankenspiel: Sie und ich kaufen uns zwei Inseln und erkennen uns gegenseitig als unabhängig an. Sind wir zwei unabhängige Staaten? Aber ich schliesse mich Ihnen an, vieles hängt von der politischen Realität ab und nicht vom internationalen Recht, siehe Kosovo.

Einzig hat Rußland unter allen möglichen Vorwänden diese Texte ewig lange nicht ratifiziert.

Die alle möglichen Vorwände war die Forderung nach Anerkennung der Okkupation und Referenz auf den Frieden von Tartu, so dass die Gebietsansprüche nicht endgültig ad acta gelegt werden konnten.

Die Staaten im Osten sind zusammengebrochen, nicht jene im Westen

Es sind schon ganze Imperien zusammengebrochen, und keiner hat je behauptet, dass man aus ihrer Geschichte nichts positives lernen kann. Wie gesagt, eine ideologiefreie Bewertung ist erst im hinreichenden zeitlichen Abstand möglich.

Jens-Olaf hat gesagt…

Die Frage des Austritts aus der Sowjetunion war ein wichtiger Streitpunkt um 1990. Estland war aus heutiger Selbstsicht nie beigetreten. Aber der Oberste Sowjet Estlands hatte das zu bedenken. Die Abspaltung sollte aber nur bei Mehrheit anderer Sowjetrepubliken erlaubt werden. Also andere sollten darüber entscheiden. Ne, das ging nicht, wirklich. End of Prestroika.