Sonntag, 15. Februar 2009

Latviešu vērtības

90. gados Samuel Huntington publicēja savu prognoze, ka nākotnē būs starptautiskie konflikti starp civilizācijām par demokrātisko valsts iekārtu. Ronald Inglehart, ideju pārņemot, apgalvoja, ka konflikts nebūs par demokrātiju, bet par indivīdu lomu sabiedrībā. Rietumu liberālisms neesot citās kultūrās akceptējams.

Šī teorija, protams, tika sastādīta, kad sociālistiskās valstis vēl nebija sabrukušas. Un to sabiedrību vērtības pēc pārmaiņām vēl nevarēja raksturot.

Tagad ar ticību kaut kādai žīdu-geji sazvērestībai (autors šeit izmanto žīdu jēdzienu sakarā ar tā lietošanu iedzīvotāju vidū) un it īpaši saistīts ar personu Geroge Soros parādās piemēri, apgaismības trūkumam Austrumeiropas sabiedrībās salīdzinot ar Rietumiem, kur arī vēl pirms pusgadsimta homoseksuālitāti sodīja ar ieslodzījumu cietumā.

Protams, runāt par Rietumvērtībām nav nekas universāls, jo pat ASV, kura tiek uzskatīta par vadošo Rietumvalsti, atsevišķos -štatos piemēro nāves sodu, kas kontinentālā Eiropā nav vairs sen iedomājams.

Tā, vai nu Latvija cieš no finanšu krīzes vai nē, joprojām šis jautājums regulāri ir dienas kārtībā. 123. februārī, Saeima JL frakcijas deputāte, kas pat kādreiz ir bijusi aizsardzības ministre, publicē komentāru Latvijas Avīzē, prasot nāves sodu pedofiliem. Neviens, viņa argumentē, nevarot viņu pārliecināt par kaut ko citu, ka bērnu slepkavām esot tiesības dzīvot. Un viņa bez tā vēl pasvītro, ka arī neticot Eiropas argumentiem, jo tā Eiropa, kā redzams, nespējot Latvijā valdošo haosu nespējot nekādīgi ietekmēt.

Virsraksts: „Pedofiliem nav cilvēktiesības!“. Izsaukuma zīmi ielika pati autore.

Mūrniece nepiemin, ka seksuālās orientācijas pašas pa sevi nav noziegums, bet gan tikai pedofilijas velmju realizēšana. Arī viņa neraksta par seksuālu izmantošanu, kas, galvenokārt, notiek pašā ģimenē reizēm gadiem ilgi. Arī netiek pievienots rakstam fakts, ka daudz vairāk bērnu Latvijā cieš no vardarbības ģimenē nekā no pedofiliem.

Līdz ar to raksts nekas cits nav nekā populistiskais blabla.

Neskatoties uz to vajadzētu arī citiem latviešiem, kas vainu par visām grūtībām meklē regulāri labāk Briselē, pārdomāt, vai viņi sevi pieskaita pie Rietumvērtībām. Ja cilvēkties
Ibas nav universālās, tad tās nav cilvēktiesības. Un ja pa tiešam viņas nebūtu spēkā visiem cilvēkiem, tad , lūdzu, kurš šajā pasaulē noteiktu, kur, kad un kam viņas ir spēkā? Linda Mūrniece?

Latvija ir suverēnā valsts, kurai ir tiesības, veidot sabiedrību pēc savām iedomām. Varbūt, Mūrniecei vajadzētu nodibināt jaunu partiju, kura atklāti iestāsies par izstāšanos no ES kā arī visām pārējām telpām, kā, piemēram, Šengenas līguma. Tad varētu novērst, ka bez latviešu vai Latvijas vēstniecību piekrišanas ieceltos žīdi un geji.

Ja viņa sevi uzskata par demokrāti, tad viņa mēģinās atrast atbalstu tautas vidū demokrātiskā ceļā. Citādāk vienīgi palīdzētu valsts apvērsums un autoritārisms, kam atbalsts arī nemaz nav tik maz Latvijā.

Protams, tad būtu gan nepieciešams iedzīvotājiem pateikt un paskaidrot, kāds ir šāda soļa sekas. Iepirkties Berlīnē, Parīzē dzert kafiju utt. Vajadzētu tad ilgāk iepriekš ieplānot.

Kā beidzās autarkijas mēģinājumi, par to Eiropā var stāstīt Rumānija un Albānija.

Samstag, 14. Februar 2009

Lettlands Wertegemeinschaft (ergänzt)

In den 90er Jahren veröffentlichte Samuel Huntington seine Idee vom Konflikt zwischen den Zivilisationen über die Frage der demokratischen Staatsordnung. Ronald Inglehart behauptete anschließend, es ging nicht um die Frage der Staatsform, sondern um die Rolle des Individuums in der Gesellschaft. Der abendländische Liberalismus sei für andere Kulturen nicht annehmbar.

Diese Theorie wurde freilich aufgestellt, als der real existierende Sozialismus gerade erst zusammen brach und die Einstellungskomplexe dieser Gesellschaften noch wenig bekannt waren.

Inzwischen zeigt sich unter anderem am Glauben an eine jüdisch-schwule Weltverschwörung in persona von beispielsweise George Soros, daß die Gesellschaften Osteuropas in solchen Fragen entschieden weniger aufgeklärt sind, als es im Westen des Kontinents üblich ist, wo noch vor einem halben Jahrhundert Homosexualität auch mit Gefängnis bestraft wurde.

Freilich, diese Wertegemeinschaft ist ein brüchiger Ansatz. Schließlich gibt es in den USA, die als eines der führenden Länder des westens angesehen werden, in vielen Bundesstaaten nach wie vor die Todesstrafe, welche in Kontinetaleuropa verpönt ist.

Und so ist dieses Thema, Finanzkrise hin oder her, auch in Lettland nach wie vor auf der Tagesordnung. Die Abgeordnete der Neuen Zeit, Linda Mūrniece, forderte erst am 12. Feburar in einem Kommentar in der eher konservativen Latvijas Avīze die Todesstrafe für Pädophilie. Mūrniece schreibt wörtlich: “ich bin eine Befürworterin der Todesstrafe und niemand kann mich vom gegenteil überzeugen, daß ein Kindermörder das Recht habe zu leben. Ich glaube auch nicht an die Argumente bezüglich der europäischen Forderungen, denn wie wir gegenwärtig sehen ist Europa nicht in der Lage das gegenwärtige in unserem Staat herrschende Chaos in irgendeiner Form zu beeinflussen”.

Die Überschrift lautet: “Pädophile haben keine Menschenrechte!” Das Ausrufungzeichen wurde von der Autorin gesetzt.

Mūrniece geht nicht darauf ein, daß aus sexueller Anziehung erst dann ein Kapitalverbrechen wird, wenn der Betroffene sie auslebt. Sie geht auch nicht auf den meist in der Familie stattfindenden, teilweise über Jahre andauernden sexuelle Mißbrauch ein wie auch unerwähnt bleibt, daß im Vergleich zu Fällen von Pädophilie häusliche Gewalt in Lettland das eigentliche Problem der Kinder ist.

Damit bleibt der Artikel in Zeiten wichtigerer Themen populistisches Geplänkel.

Abgesehen davon wäre den vielen Letten, die auch die Schuld der derzeitigen Krise in Brüssel suchen, anzuraten, sich über Ihre Zugehörigkeit zu welcher Wertegemeinschaft Gedanken machen. Wenn Menschenrechte nicht für ALLE Menschen gelten, dann sind es keine. Und wenn sie nicht für alle Menschen gelten, wer bitte entscheidet dann, für wen sie gelten, wann und wo? Linda Mūrniece?

Lettland ist ein uabnhängiges Land, dem das Recht zusteht, seine Gesellschaft zu gestalten. Vielleicht sollte Frau Mürniece einfach eine neue Partei gründen, welche offen für den Rückzug aus EU und dem Schengenraum proklamiert. Dann können keine Juden und Schwule mehr einreisen, ohne von einer Botschaft Lettlands kontrolliert zu werden.

Sieht sie sich als Demokratin, versucht sie dafür eine politische Mehrheit im demokratischen Entscheidungsprozeß zu finden. Sonst hilft nur ein Putsch und eine autoritäre Herrschaft, die nicht wenige in Lettland ebenfalls befürworten.

Gewiß wäre es dann noch von Nöten, der Bevölkerung zu erklären, welche Folgen dies für das Land hat. Shopping in Berlin, Kaffe trinken in Paris etc müsten die Letten dann natürlich länger im Voraus planen.

Wohin Versuche von Autarkie führen, darüber können in Europa Rumänien und Albanien berichten.

Absurdistan oder rien ne va plus Lettonie?

Die Absage an eine Koalitionsumbildung jetzt begründet Ministerpräsident Godmanis damit, daß jetzt der falsche Zeitpuntk dafür sei – nachdem in diese Diskussion seit Tagen und Wochen Zeit investiert wurde!

Jetzt soll bis zu den Kommunal- und Europawahlen abgewartet werden, die im Juni am selben Tag stattfinden, um die Stärke der Parteien abschätzen zu können.

Wie dieser Plan zusammenpaßt mit dem Ultimatum des Präsidenten, bleibt völlig offen.

Szenario 1: Der Präsident regt nach Ablauf des Ultimatums am 31. März am 1. April (!) die Parlamentsauflösung an, worüber dann im Mai das obligatorische Referendum stattfindet. Daraufhin wird im Juni die Regierung umgebildet oder auch eine neue installiert und im September gewählt.

Szenario 2: Der Präsident gibt nach Ablauf des Ultimatums am 31. März am 1. April (!) bekannt, daß er mit der Erfüllung der von ihm gestellten Aufgaben durch das Parlament zufrieden ist, und im Juni bilden dann die Parteien nach dem Wählerverdikt auf kommunaler und Europa-Ebene auf der nationalen Ebene eine neue Regierung, die dann bis zum regulären Wahltermin im Herbst 2010 im Amt bleibt?

Freitag, 13. Februar 2009

Steigerung der Steigerung?

Die Grammatik erlaubt eine Steigerung bis zum Superlativ. Danach geht es nicht weiter. In der lettischen Politik gilt ein solches Gesetz nicht.

Da hatte die Union aus Grünen und Bauern am Donnerstag vergangener Woche der Regierung, an der sie selbst beteiligt ist, das Vertrauen ausgesprochen und der Mißtrauensantrag der Opposition war damit gescheitert. Bereits vier Tage später schlug sie vor, der Bankier Feiferis möge eine neue Regierung bilden. Und plötzlich ist nun Augusts Brigmanis bereit, sogar die ein oder andere weitere Forderung im Rahmen der Kabinettsumbildung fallen zu lassen.

Die Koalitionspartner haben sich jetzt doch noch auf den neuen Zuschnitt der Ressorts einigen können.

Grüne und Bauern haben soch durchgesetzt, daß das Landwirtschaftsministerium nicht mit dem Umweltschutz zusammengelegt wird. Über die anderen Veränderungen ließe sich diskutieren, viel Zuständeigkeiten passen unvermeidlich mehr oder weniger zusammen. Nur eines ist wirklich positiv, ein gemeinsames Justiz- und Innenministerium entsteht nicht, wie es zwischenzeitlich auch bereits vorgeschlagen worden war.

Daß das Ministerium für Regionalentwicklung mit dem Wirtschaftsministerium zusammengelegt wird, ist halbwegs nachvollziehbar. Überraschend hingegen bleibt als einziges Ressort das Verkehrsministerium unangetastet, welches unter anderem auch für die Post zuständig ist.

Der Amtsinhaber Ainārs Šlesers bleibt im Amt, die graue Eminenz seiner Partei, und ist neben dem Regierungschef nun der einzige Vertreter seiner Partei.

Während die Vertretung von Für Vaterland und Freiheit nunmehr auch mit dem Wirtschaftsministerium auf ein Ressort beschränkt wurde, hat die Volkspartei die Ehre, alle weiteren Ministerien zu besetzen.

Daß diese weniger personelle als die Zahl der Posten betreffende Regierungsumbildung nicht in erster Linie der Effizienz des Regierens und der Einsparung finanzieller Mittel dient, liegt auf der Hand. Wem aber dient es dann?

Nach der geltenden Verfassung kann nur der Präsident die Auflösung des Parlamentes anregen. Nach den Protesten zwischen der Regenschirmrevolution im Herbst 2007 und den Ausschreitungen am 13. Januar dieses Jahres könnten sich die Bürger Lettlands ein Beispiel an Argentiniens Müttern der Plaza de Mayo zum Ende der Militärdiktatur und Island jüngst nehmen: täglich vor der Rigaer Burg demonstrieren, bis Präsident Zatlers anstelle populistischer und fragwürdiger Ultimaten seines Amtes waltet.
Und das Neueste kurz von heute: Jetzt wirst erst einmal gar nichts geandert. Morgen mehr.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Lettland im freien Fall

Das Handelsblatt titelte jüngst, die lettische Wirtschaft sei im freien Fall. Das der Staat bankrott ist und ein politisches Vakuum besteht, wurde – auch an dieser Stelle – bereits erwähnt.

Am Montag hat der Fraktionsvorsitzende der Union aus Grünen und Bauern, Augusts Brigmanis, den Wunsch geäußert, den Vorstandsvorsitzenden der Hypothekennank, Inesis Feiferis, mit der Regierungsbildung zu beauftragen. Damit machte der Politiker seine Ablehnung zum Ausdruck, den derzeitigen Ministerpräsidenten weiter zu unterstützen. Und das nur vier Tage nach einer erfolgreichen Abwehr eines Misstrauensotums der Opposition!

Dies geschah unmittelbar nach einer Sitzung, in welcher sich die Koalitionsparteien nicht einigen konnten, welche Ministerien liquidiert und gegebenenfalls mit welchen Portfolios zusammengelegt werden sollen.

Dies läßt auf den offensichtlich erheblichen Einfluß schließen der grauen Eminenz der Partei schließen. Und das ist der Bürgermeisters von Ventspils, Aivars Lembergs. Warum sonst sollte sich diese Partei in so kurzer Zeit zu einer diametralen Meinungsumkehr entscheiden?

Die Koalitionsparteien demonstrieren damit, daß selbst in der Krise die Konflikte zwischen Personen (und Seilschaften) wichtiger sind als das Regieren.

In diesem Moment wäre es im Interesse der Staatsräson Aufgabe des Präsidenten, eine Entscheidung zu treffen und statt verfassungrechtlich bedenklicher Ultimaten die Anregung zur Auflösung des Parlaments auszusprechen. Das Land bleibt sonst de facto ohne Regierung, auch wenn allmorgendlich ein Amtsinhaber das Gebäude der Ministerien betritt.

Lettland steht am Scheideweg. Die Bürger Lettlands, nicht nur die politische Elite müssen sich nun entscheiden, ob sie ihren Staat überhaupt woollen, weil sich einstweilen der lettische Patriotismus auf Sängerfest und die Natur beschränkt. Die Volkspartei, welche nach ihrer Grundung im ersten Wahlkampf 1998 noch mit der Losung warb: Wir lieben diesen Staat (nicht Land), ist bereits klinisch tot.

Jüngst war eher aus Jux ein Internetportal eingerichtet worden, in dem Unterschriften unter einen Aufruf an Schweden gesammelt wurden, das Land zu besetzen. Ein anderer Vorschlag ging an einen russischen Millionär, der das Land bitte kaufen möge.

Eine Annexion durch Schweden wie auch der Kauf durch russische Schwerreiche ist wenig realistisch. Und welches andere Interesse als den Zugang zum mehr sollte Russland als Staat an Lettland haben? Und dieser läßt sich auch kaufen, ohne gleich ein bankrottes Staatswesen übernehmen zu müssen, deren Einwohner gerade ebenfalls zu Hauf in die Privatinsolvenz schlittern.

Bliebe das Modell Kosovo. Vor Ort sitzt ein Administrator, der das Vertrauen Brüssels genießt, während das Land de facto von dort gelenkt würde. Da der Lat als nationale Währung ebenfalls eigentlich nicht mehr existent ist, könnte wie in dem genannten territorialen Gebilde auf dem Balkan ebenfalls gleich der Euro als Zahlungsmittel verwendet werden.

Samstag, 7. Februar 2009

Politikvakuum in Lettland

Lettland ist wirtschaftlich von der Krise gezeichnet und die politische Elite am Ende ihres Lateins: Es herrscht ein Politikvakuum.

Im Falle eines Machtvakuums wäre unklar, wer regiert. Dies aber ist nicht der Fall. Die Regierung unter Ministerpräsident Godmanis verfügt auch nach dem Austritt einiger Abgerdneter aus den vier die Koalition stützenden Fraktionen über eine Mehrheit im Parlament. Das zeigte sich bei der Vertrauensabstimmung auf Antrag der Neuen Zeit am vergangenen Donnerstag.

Diese Mehrheit war nach der letzten Wahl im Herbst 2006 in der Regierungszeit von Aigars Kalvītis noch etwas größer. Auch er war nicht parlamentarisch gestürzt worden, sondern aufgrund des politischen Drucks selbst zurückgetreten.

Ein Politikvakuum besteht nun, weil Unklarheit über Politikinhalte besteht, ja mehr noch, eine Politik eigentlich nicht mehr stattfindet.

Lettland nicht regiert, sondern dirigiert
Natürlich ist die tiefe wirtschaftliche Krise, in der die Hilfe von IWF und der Europäischen Union die Zahlungsunfähigkeit Lettlands verhindern, ein wichtiger Grund, warum derzeit weniger in Riga als an anderen Orten entschieden wird.

Der politische Beobachter gewinnt aber darüber hinaus derzeit den Eindruck, daß die Regierung ohnehin nur noch aus einer Person besteht: dem Regierungschef selbst. So wichtige Amtspersonen wie der Finanz- und der Wirtschaftsminister, die jeweils anderen Parteien angehören, tauchen in der Öffentlichkeit gar nicht mehr auf.

Der dem vierten Koalitionspartner angehörende Landwirtschaftsminister ist angesichts der Bauernproteste dieser Tage von seinem Amt zurückgetreten. Damit stellt er eine Ausnahme dar.

So wenig die Koalitionspartner den die zweitkleinsten Regierungspartei vertretenden Ministerpräsidenten lieben mögen, niemand erklärt derzeit seine Bereitschaft, an dessen Stelle zu treten. Dieser müßte dann außerdem erst von Präsident Valdis Zatlers benannt werden. Über eine solche Machtposition verfügt aber derzeit kein Politiker. Während Godmanis am vergangenen Sonntag im Fernsehen verkündete, er habe nicht die Absicht zurückzutreten und die Regierung arbeite weiter, stellt sich die Frage, welche Alternative es überhaupt gäbe.

Die Koalitionspartner, die teilweise ihren Regierungschef in den letzten Tagen und Wochen kritisiert haben, beeilten sich vor der Abstimmung am Donnerstag zu erklären, daß sie nicht gegen die Regieung stimmen würden. Darunter auch die an mangelndem inneren Zusammenhalt leidende Union der Grünen und Bauern, deren Fraktionsvorsitzender einen parteilosen Nachfolger für den zurückgetretenen Landwirtschaftsminister vorgeschlagen hat.

Präsident Zatlers hat derweil an die Partizipationsbereitschaft der Bevölkerung appelliert und die Intellektuellen aufgerufen, doch bitte in die Politik zu gehen, neue Parteien zu gründen oder in bestehende einzutreten. Der Hintergrund? Zatlers kann die Parlamentsauflösung anregen und wüde im anschließenden obligatorischen Referendum Umfragen zu Folge eine Zustimmung von zwei Dritteln des Wahlvolkes erhalten. Doch wen sollen die Wahlbürger an die Stelle der jetztigen abgewirtschafteten politischen Elite wählen? Zatlers hat sich also mit seinem, den Geist der Verfassung überschreitenden Ultimatum an die Parlamentariern, selbst ein Bein gestellt.

Wurde Lettland regiert?
Ein Politikvakuum, werden Kritiker behaupten, gab es bereits zuvor. Und tatsächlich, die oligarchischen Parteien haben, wie ihnen die Bürger vorwerfen, während der vergangenen Jahre auf die Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung keine oder wenig Rücksicht genommen und dienten statt dessen oftmals ihrem eigenen Vorteil. Die lettische Politik war zwar nicht mafiös, aber im Rahmen des weitgehend Legalen wurde stand good governance nicht im Mittelpunkt des Bemühens.

Das müssen sich auch nicht politische andere Amtspersonen vorwerfen lassen. Denn ein günstiger Zeitpunkt wie auch eine günstige Alternative der Ausrichtung einer Neuwahl wurden nicht genutzt.

Bereits kurz nach der Wahl 2006 hatten die Behörden festgestellt, daß gleich mehrere Parteien – eben jene, die derzeit die regierende Koalition bilden – im Wahlkampf gegen die Gesetze über die Wahlkampfausgaben verstoßen hatten. Die Zusammensetzung des Parlamentes, so kommentierten bereits damals Juristen, Politologen und Journalisten, gründe sich auf illegale Handlungen. Doch nichts geschah.

Was nun?
In einem Machtvakuum könnte es aus Ärger der Bürger zu revolutionären Zuständen kommen. Dafür aber fehlt in Lettland die Mentalität. Ebenso könnte jemand versucht sein, ein autoritäres Regime zu errichten. Dafür aber fehlt die entsprechende Figur. Außerdem sind sich alle Vertreter der politischen und wirtschaftlichen Elite bewußt, welche Folgen dies innerhalb von NATO und EU hätte und folglich den Lebensstandard der Bevölkerung betreffend eher zu einer drastischen Verschlechterung führte.

Wenn aber die Intellektuellen des Landes nun nicht endlich bereit sind, sich für ihren Staat zu engagieren, droht nach einer allfälligen Neuwahl ein Parlament zusammengesetz bestenfalls aus der dritten und vierten Garde des sozialen Kapitals, der nach dem Abtreten der Oligarchen dann auch noch die politische Erfahrung fehlt. Damit würde Lettlands Position als Mezzogiorno der EU auf Dauer gefestigt.

Aber dabei ist immer die Rede von Neuwahlen. So lange der Gesetzentwurf des Präsidenten, die Verfassung zu Gunsten eines Volksrechtes zur Entlassung des Parlamentes zu ändern, ebenso wenig den Weg durch die parlamentarische Beratung findet wie es eine Mehrheit für den Vorschlag der Volkspartei gibt, die Verfassung durch ein Selbstauflösungsrecht der Saeima zu ergänzen, bliebt dieses Parlament auf Gedeih und Ververb erhalten. Und mit jedem Monat rückt der reguläre Wahltermin im Herbst 2010 näher.

Bliebe als Ausweg ein Rücktritt der Regierung Godmanis und die Bereitschaft etwa der Chefin des Rechnungshofes, Inguna Sudraba, als Parteilose eine Regierung zu bilden. Derzeit verfügen die oppositionelle Neue Zeit gemeinsam mit dem pro-russischen Harmoniezentrum und den Abgeordneten, die ihre alten Fraktion verlassen haben, über so viele Stimmen, daß sie mit der Partei von Godmanis knapp die absolute Mehrheit im Parlament verfehlen. Bliebe die Erwartung eines Zerbrechens Union der Grünen und Bauern.

Und hier gibt es wieder wilde Spekulationen: Die Oligarchen haben verstanden, daß ihre Zeit vorbei ist un sorge unter einem Premier Godmanis noch schnell dafür, ihre Pfründe zu sichern, um dann das Feld zu räumen.

Donnerstag, 5. Februar 2009

Ein neues Parteiensystem in Deutschland?

Als sich die Grünen in den 80er Jahren im deutschen Parteiensystem etablierten, kam es erstmalig zu den hessischen Verhältnissen, in denen keine Alleinregierung einer Volkspartei oder eine der bis dahin klassischen Koalitionen möglich war. Der Politologe Christian Graf von Krockow veröffentlichte einen kleinen Sammelband unter dem Titel „Brauche wir ein neues Parteiensystem?”

Im Rahmen der neuerlichen hessischen Verhältnisse, denen der Urnengang vom 18. Januar ein (vorübergehendes?) Ende setzte, stellt sich nunmehr in bezug auf das Parteiensystem nicht mehr die Frage, was Deutschland braucht, sondern was es nolens volens bekommt.

Veränderungen der vergangenen Jahre
Seit die PDS mit der WSAG zur Linken fusionierte und in mehrere westdeutsche Landesparlamente einzog, spricht die Politikwissenschaft bereits vom „etablierten Fünfparteiensystem”. Wie aber inzwischen zutreffend festgestellt wurde, demonstriert ein Blick durch die Länder das Potential zum Siebenparteiensystem. Denn einerseits ist es rechtsradikalen Parteien schon mehrfach gelungen, vor allem in ostdeutsche Landtage einzuziehen, andererseits reüssierten die Freien Wählern jüngst in Bayern als neue politische Kraft auf Landesbühne.

Dabei ist es richtig, daß rechtsradikale Parteien bislang trotz Erfolgen in der Provinz den Sprung über 5% auf der Bundesebene nie geschafft haben. Ursache dafür ist die Zersplitterung in mehrere Parteien, die sich dann auf konkrete Bundesländer konzentrierend in Parlamente einzogen. Die Freien Wähler haben ihrerseits über eine bundesweite Organisation und Kandidatur noch nicht entschieden.

Triviales und Bemerkenswertes in Hessen

Das Wahlergebnis in Hessen wurde bislang vorwiegend im Hinblick auf seine trivialen Erkenntnisse kommentiert. Ja gewiß, die SPD wurde abgestraft, das Ergebnis ist den Anspruch einer Volkspartei nicht wert. Und ja, Rolands Koch offensichtliche Beliebtheitslücke hat ihn beim wiederholten Urnengang auf der Stelle treten lassen.

Die Ironie dieser Niederlage könnte darin liegen, daß sein Weg nach Berlin sich schließlich nicht durch seinen Erfolg in Hessen begründet, sondern im Gegenteil, durch seinen Mißerfolg.

Die hessische Landtagswahl am 18. Januar ermöglicht zwar die Rückkehr zu einer der klassischen Koalitionen, liefert aber keineswegs den Beweis dafür, daß generell Hoffnungen auf eine Renaissance klassischer Zweierbündnisse begründeter geworden sind:

1. Obwohl die Linke zerstritten ist und heftige Vorwürfe gegen die Partei von den eigenen Leuten kam, ist die Partei erneut in den hessischen Landtag eingezogen.

2. Die Zuwächse der FDP sind nur bedingt mit einer Entscheidung für das bürgerliche Lager, aber gegen Koch zu erklären. Diese Wähler hatten bereits 2008 den Liberalen zu einem besseren Ergebnis verholfen.

3. Eventuelle Anti-Koch Protestwähler, die der CDU zwar einen Denkzettel erteilen wollten, ohne damit gleich einen Regierungswechsel herbeizuführen, sind nicht reumütig bei der Wiederholungswahl zurückgekehrt, wie es bei anderen Landtagen in der Vergangenheit der Fall war, wo im Anschluß an hessische Verhältnisse neu gewählt wurde.

Prozentual sind nun die Verluste der SPD ziemlich gleichermaßen an FDP und Grüne gegangen:
1. Es darf darum davon ausgegangen werden, daß es sowohl diejenigen Enttäuschten sind, die 2008 für die SPD gestimmt hatten, um einen Regierungswechsel herbeizuführen und sich anschließend über Andrea Ypsilantis „Meineid” aufgeregt hatten.

2. Ebenfalls enttäuscht von der offensichtlichen Regierungsunfähigkeit der SPD sind natürlich auch jene, die den links-ökologischen Kurs der Spitzenkandidaten ausdrücklich unterstützten und folglich 2009 gleich grün gewählt haben.

Daß die FDP von vielen bürgerlichen Koch-Gegnern wie auch jenen Wählern unterstützt wurde, die offensichtlich einen Regierungswechsel bevorzugt hätten, zeigt das außergewöhnlich gute Ergebnis, daß das liberale Stimmpotential nicht repräsentiert.

Aussichten für die Bundestagswahl
Nicht nur die SPD ist seit geraumer Zeit innerlich zerrissen. Auch die CDU ist es. Dies fiel nur einerseits wegen der Popularität der Kanzlerin lange Zeit nicht auf wie auch wegen es Medienfokus auf die Selbstzerfleischung der SPD. Spätestens mit dem Ergebnis der Bayernwahl sind aber alle Grundsteine für interne Konflikte auch in der Union gelegt.

In Umfragen kommt Schwarz-gelb auf Bundesebene seit Monaten regelmäßig ungefähr auf 50% der Wähler. Daß das Wahlergebnis im Herbst dann tatsächlich so aussieht, hängt, wie andere Stimmen bereits zutreffend kommentiert haben, auch von der wirtschaftlichen Entwicklung im Rahmen der Finanzkrise während der nächsten Monate ab. Union und FDP wird mehr Wirtschaftskompetenz zugebilligt, der SPD hingegen das Eintreten für soziale Fragen. Was also, wenn bis September die Krise eine soziale wird?

Entscheiden sich Unionswähler im September aus Frust über den Linkskurs Merkels für die FDP können dieser Wähler wegen ihres wirtschaftsliberalen Kurses wegbrechen. Die Krise eines Systems, das vor allem von der FDP unter ihrer derzeitigen Führung propagiert wurde, ist einstweilen in aller Munde.

Mehrfach erwähnt wurde von verschiedenen Publizisten und Wissenschaftlern in den vergangenen Monaten, daß die Bevölkerung eigentlich ganz zufrieden ist, in Zeiten der Krise eine große Koalition zu haben. Einige Beobachter äußerten sogar die Ansicht, auch die Koalitionspartner fühlten sich in dieser Konstellation eigentlich ganz wohl.

Während die FDP nach einem Jahrzehnt in der Opposition in die Regierung drängt, dürfte das Regieren mit einer knappen Mehrheit aus schwarz und gelb für die Union weniger anziehend sein. Angesichts der Notwendigkeit unpopulärer Entscheidungen drohte der in der Bundesrepublik übliche Effekt, daß die Regierungsparteien anschließend die Landtagswahlen verlieren.

Ausweg aus einer großen Schrumpfkoalition
Nichtsdestotrotz beweisen die Urnengänge der letzten Zeit, daß die sogenannten Volksparteien schrumpfen. Dies ist in Hessen wieder geschehen und dürfte auch für die Bundestagswahl im Herbst gelten. Mehr als 40% zu gewinnen ist für CDU/CSU und SPD nicht in Sicht. Das aber bedeutet in Zukunft, daß kleine Koalitionen nur noch selten mit zwei Partnern möglich sind.

Und darum spricht noch etwas für eine Fortsetzung der großen Koalition. Bereits in Hessen haben die Parteien bewiesen, daß die Zeit für Dreierbündnisse offensichtlich noch nicht reif ist wie auch Deutschland nicht reif ist für Minderheitsregierungen mit wechselnden Mehrheiten. Der einzige Ausweg ist dann eben eine große Koalition geschrumpfter Partner. Nach dem Erscheinen der Grünen hat es auch eine Weile gedauert, bis sich die Politik daran gewöhnt hatte.