Freitag, 3. September 2010
Hausmitteilung: Das Label Reiseleitung
Donnerstag, 2. September 2010
Freiwillig fünf Stunden Schulweg
Gerne wird bei Überlandfahrten durch das dünn besiedelte Baltikum von Ausländern gefragt, wie die Kinder auf dem Land in die Schule kommen. Gewiß, die heutigen Landstraßen wurden teilweise erst in der Sowjetzeit gebaut und gehen ähnlich den deutschen Umgehungsstraßen an allen Ortschaften vorbei, was einen falschen Eindruck aufkommen läßt. Dennoch bleibt die Frage berechtigt.
In Lettland gibt es freilich Schulbusse. Auch gibt es im sehr komplexen lettischen Schulsystem mit sich überlappenden Schulformen „Grundschulen“ (Sākumskola) bis zur vierten Klasse meist in nicht allzu großer Entfernung. Dennoch müssen viele Schüler sehr früh aufstehen und kommen erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder nach Hause, vor allem, wenn sie eine weiterführende Schule besuchen. Die lettische Tageszeitung „Latvijas Avīze“ stellte nun einige vor.
Die Lehrerin Laila Spalviņa und ihr Mann Sandis Spalviņš, der beim Zivilschutz arbeitet, wohnen im 1885 errichteten „Jēkuļi“. Die in Lettland traditionellen Einzelgehöfte haben Namen – oftmals statt Adressen. Ihre Töchter sind bereits die fünfte Generation, die hier acht Kilometer vom Zentrum der Gemeinde entfernt aufwachsen und aus ihrem Fenster in fast unberührte Natur schauen. Nachdem während der Sowjetzeit im Haus der Familie vier Wohnungen eingerichtet waren, lebt die Familie seit 17 Jahren in ihrem Eigentum wieder allein.
Die Entscheidung, auf dem Land zu leben, sei freiwillig, sagen die Eltern von Sintija (17), Anete (14) und dem Adoptivsohn Nikolaij (17), dem Mitschüler von Sintija, den die Familie aus dem Kinderheim holte. Seit Abschluß der Grundschule, die in Lettland bis zur 9. Klasse geht, besucht er eine Berufsschule, die zu erreichen er um halb fünf morgens aufsteht. Er könnte auch im Wohnheim der Schule leben, doch das erinnert ihn zu sehr an das Kinderheim. Nikolaj will unbedingt abends in sein Zimmer. In der Schule, erinnert sich Laila, die auch seine Lehrerin war, war Nikolaj der große Störenfried. Heute trainiert der Junge in Valmiere manchmal bis 21 Uhr abends. Die Fahrten ließen sich nicht finanzieren, führe er als „Kind“ nicht gratis, so die Adoptivmutter.
Während die kleine Schwester Anete einstweilen nur mit dem Schulbus, den die Gemeinde bezahlt, zur Grundschule im Dorf muß, besucht seine Schwester Sintija das Pārgaujas Gymnasium ebenfalls in Valmiera und steht um halb sechs auf. Zunächst muß sie anderthalb Kilometer durch den Wald gehen, dafür braucht sie etwa 20 Minuten. Mit dem Bus erreicht sie Valmiera eine Stunde vor Unterrichtsbeginn und hat sich inzwischen daran gewöhnt, die Zeit für Hausaufgaben zu nutzen. Aber leider muß die Schülerin auch nach Unterrichtsende warten. Ein Bus nach Rūjiena ist um drei Uhr nämlich schon weg. Der nächste fährt erst um halb sechs, weshalb Sintija erst gegen 19 Uhr zu Hause ankommt. Abends im Dunkeln wieder anderthalb Kilometer durch den Wald, sagt sie, habe sie keine Angst.
Mutter Laila sagt, die 2,50 LVL für Sintijas Fahrscheine täglich werden, sammelt man die Fahrscheine, anschließend zur Hälfte von der Gemeinde übernommen. Das sei immer noch billiger, als die Tochter in Valmiera irgendwie unterzubringen. Und so handeln viele Eltern im Dorf der Familie.
Die Pressevertreter wollen wissen, ob die Jugendlichen das Leben so weit abseits der „Zivilisation“ nicht vor einer Zukunft auf dem Lande zurückschrecken lasse. Während Sintija sagt, es ist wie es ist. Alle drei Kinder der Familie wissen die Ruhe zu schätzen und sagen, besonders wichtig sei das eigene Zimmer.
Samstag, 3. April 2010
Tourismus mal anders
Seit einiger Zeit gibt es aber in Lettland Kräfte, die versuchen, Ausländer mit medizinischen Dienstleistungen anzulocken. Das sind neben gesundheitlich überflüssigen oder gar umstrittenen Eingriffen wie Brustvergrößerungen und Fettabsaugen auch ernstzunehmende Leistungen etwa in der Zahnmedizin.
Während britische Journalisten sogar in der Times darauf hinwiesen, daß hier bis zu 40% der Kosten eingespart werden können, ließ sich der Rigaer Bürgermeister Nils Ušakovs in Großbritannien mit der Aussage zitieren, daß die Briten sich gerne in Riga betrinken dürften, aber es gebe auch noch andere interessante Angebote.
Experten weisen darauf hin, daß medizinische Touristen sich durchschnittlich sechs bis sieben Nächte in Lettland aufhalten. Damit liegen sie in der Länge des Besuchs gleich hinter Menschen in der Ausbildung. Darum gibt es inzwischen eine intensivere Zusammenarbeit zwischen medizinischen Einrichtungen, die gemeinsam in Werbung, eine Homepage, sogar eine Vertretung in London aber auch in die Bekämpfung des Betrugs investieren. Es kommt nämlich durchaus vor, daß ein Ausländer nach erfolgreicher Behandlung ein Mißverständnis vorschiebt, um die Rechnung nicht begleichen zu müssen.
Einstweilen wird dabei nicht diskutiert, daß für die einheimische Bevölkerung die in der Tat gemessen an westlichen Verhältnissen günstige Zahnmedizin oftmals unerschwinglich ist. Im Gegenteil zu anderen gesundheitlichen Problemen wird damit die Armut im Alltag sichtbar.
Inzwischen wurde Lettland auch als Destination für Suchtbehandlung entdeckt. Alkoholismus ist ein Problem nicht nur in Lettland – aber auch!
Donnerstag, 12. März 2009
Die Krise in Lettland, ihre Ursachen und ihre Folgen
Finanzmarkt und Realwirtschaft
Während es in den USA eine Produktion gibt, hat der Autor dieser Zeilen in seinem ersten lettischen Zeitungsartikel vor Jahren bereits darauf hingewiesen, daß die vielen Neuwagen und Mobiltelefone in Lettland nicht mit unbehandeltem Holz und Damenunterwäsche dauerhaft finanziert werden können. Inzwischen beschränkt sich die Wirtschaftsleistung Lettland weitgehend auf das unbehandelte Holz, denn was es an Textilindustrie vor zehn Jahren noch gab, ist angesichts der Lohnkostenentwicklung und sicher auch einer falschen Produktpolitik weitgehend verschwunden.
In den USA haben die Menschen auf Pump gelebt und eine gute Weile darauf spekulieren können, daß der Wert ihrer mit Krediten erworbenen Häuser im Laufe der Zeit steigt, und dann irgendwann die Liegenschaft mit Gewinn verkauft und nach dem Auszug der Kinder eine kleinere Unterkunft erworben werden kann. Das war in Lettland nicht so. Selbstverständlich wurde mit ganzen Gebäuden und Eigentumswohnungen im historischen Jugendstilviertel von Riga spekuliert. Das trifft aber nicht zu auf die heruntergekommenen Holzhäuser in der Moskauer Vorstadt oder die Plattenbauten von Ķengarags oder Iļģuciems, die überwiegend in den 70er Jahren für eine Lebensdauer von 30 Jahren errichtet worden waren, ganz zu schweigen von Immobilien ähnlicher Qualität in den Klein- und Kleinststädten.
Selbstverständlich haben auch hier die Preise in den letzten zehn Jahren angezogen. Und genau hierin liegt im Unterschied zu den USA die Ursache der Krise in Lettland. Mit Hilfe eines Kredites eine Wohnung zu kaufen, war in den nach Aigars Kalvītis „fetten Jahren“ billiger, als eine Wohnung zu mieten. Die monatlichen Zinsen waren geringer als der Betrag, den Vermieter verlangt haben. Die in Lettland Kommunalgebühren genannten Betriebskosten müssen auch bei privatisierten Wohnungen an das die Mehrfamilienhäuser bewirtschaftende, sogenannte Kooperativ gezahlt werden.
Die Banken in Lettland haben auch nicht wie in den USA Kredite an Personen vergeben, deren Kreditwürdigkeit von vornherein in Zweifel zu ziehen war, sondern nur an solche, die wenigstens für örtliche Verhältnisse ordentlich verdienen haben.
In Lettland gab es somit sehr wohl jene, bei denen die „fetten Jahren“ nicht ankamen. Viele, die vor der Arbeitslosigkeit auf dem Lande nach Riga geflohen waren, konnten sich hier gerade einen Schlafplatz leisten. Konkret heißt dies, daß in einer Wohnung mit mehreren Zimmern in jedem davon gleich mehrere Personen wohnen.
Woher kommt dann die Krise in Lettland?
Gewiß, in Lettland wurden Kredite auch an Interessenten vergeben, die in einem westeuropäischen Land ohne Zweifel von der Bank eine Absage erhalten hätten; ebenso waren entsprechende Sicherheiten nicht vorhanden, die im Falle einer Wohnung im Plattenbau auch das erworbene Objekt selbst nicht bot. Der einmalige Kauf machte für den Einzelnen noch Sinn, nicht jedoch eine ggf. erforderliche Zwangsversteigerung.
Kredite wurden aber nicht nur gewährt und in Anspruch genommen, um mit Immobilien in die eigene und die Zukunft der Kinder zu investieren. Vielmehr gab es umfangreiche Leasingangebote, die gerne für moderne und teilweise auch luxuriöse Autos verwendet wurden. Selbst Schweizer Besucher fühlten sich beim Besuch Rigas zu Kommentaren hingerissen, daß auf so engem Raum sie nicht einmal daheim solche Fahrzeuge sehen würden.
Das alles war natürlich nur möglich, weil salopp formuliert, die Banken in den Markt wollten und teilweise aggressiv entsprechende Angebote unterbreitet haben.
Und dieser Trend zum Konsum auf Pump zog sich hin bis zu Kleinstkrediten, also letztlich Ratenkauf – wofür im Einzelhandel oft auch mit dem verzicht auf eine Anzahlung geworben wurde.
„Fette Jahre“ mit verdächtigen Kennziffern
Damit allein ist die Krise jedoch nicht zu verstehen. Dem Kauf auf Kredit steht auch ein Verkäufer gegenüber, welcher über die gesamte Kaufsumme sofort verfügt. Und diese Gelder gingen ebenfalls vorwiegend in den Konsum und nicht in Investitionen.
Es nimmt also kein Wunder, wenn der Anteil des Einzelhandels an den hohen Wachstumsraten der vergangenen Jahre verdächtig hoch, das Außenhandelsdefizit größer war als in Südostasien vor der Krise der 90er Jahre. Und es war auch nicht überraschend, daß 2007 und 2008 die Inflation in Lettland, aber auch den baltischen Nachbarstaaten, ungekannte Ausmaße erreichte und zweiteilig beinahe bei 20% lag.
Bei den Letten hingegen sind volkswirtschaftliche Kenntnisse nicht verbreitet. Sie verwechselten den hohen Nennwert ihrer nationalen Währung, 1 Lat ist bereits 1,50 Euro, mit einem hohen Wert ihrer Währung an und für sich.
Aber dies waren nur die hausgemachten Probleme.
Mit dem Beitritt zur EU öffneten Großbritannien und Irland ihre Arbeitsmärkte für die neuen Mitgliedsländer sofort. Eigentlich eine Geste, die im Gegensatz zum Protektionismus anderer Staaten im Rahmen der Globalisierung als Schritt einer liberalen Politik anzusehen ist.
In der Folge verließen viele Menschen aus dem Baltikum und Polen ihre Heimat, um für mehr Geld teilweise auch minderwertigere Arbeit zu verrichten. Dies aber war nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern zog Arbeitskräfte ab aus einem heimischen Markt, in dem ebenfalls gerade die Bauwirtschaft boomte. Hier mangelte es nun an Arbeitern, weshalb die Löhne in Lettland unverhältnismäßig stark und schnell stiegen. Es kann kaum mit der Produktivität erklärt werden, wenn Einkommen plötzlich jährlich um ein Drittel steigen.
Die Diskussion über Gastarbeiter aus Weißrußland oder Moldavien wurde zwar geführt, aber nicht entschieden. Und so trug die Immobilienblase noch zu den Auswüchsen des Lohnsektors bei. Das wiederum ähnelt Island.
Gewöhnlicher Krisenbeginn und dramatische Folgen und Stilblüten
Der Kollaps in Lettland wurde schließlich durch ein Ereignis ausgelöst, mit dem sich zahlreiche andere Regierungen in Europa während der letzten Monate ebenfalls konfrontiert gesehen hatten. Der einzigen tatsächliche lettischen Bank, die Parex Banka, drohte das Ende. Dies wurde noch dadurch verschärft, daß die Letten den Zusammenbruch der Banka Baltija 1995 noch in guter Erinnerung haben. Die Menschen stürmten, anders als in Deutschland und ähnlich wie bei der schottischen Northern Rock, die Schalter und zogen ihre Einlagen ab, was den drohenden Bankrott noch beschleunigte.
Die Parex Bank war insofern systemrelevant, wie die jüngste Wortschöpfung heißt, weil der Großteil der staatlichen Institutionen ihre Bankgeschäfte über dieses Institut abwickeln.
Der Staat wäre nun ohne die Hilfe Europas und des IWF zahlungsunfähig. Die ersten Gegenmaßnahmen wurden getroffen, die Mehrwertsteuer zum 1. Januar um drei Prozent erhöht und die Einkommen für alle Staatsbediensteten gekürzt. Viele Mitarbeiter wurden sogar entlassen. Das gilt selbstverständlich auch für die Privatwirtschaft.
Da viele Menschen ihre Arbeit verloren oder drastische Einkommensausfālle von in manchen Fällen bis zu 40% zu verkraften haben, droht ebenfalls die Zahlungsunfähigkeit von Privathaushalten, weil die Menschen ihre Kreditverbindlichkeiten nicht mehr bedienen können.
Doch damit nicht genug: Nicht erst seit Wochen oder Monaten, sondern eigentlich schon seit Jahren wird immer wieder über eine Abwertung der Landeswährung Lats spekuliert. Erst im vergangenen Herbst wurde wegen der Verbreitung von Gerüchten ein Hochschullehrer zwei Tage von der Polizei festgehalten und ein Sänger immerhin vernommen. Dies ist ein Zeichen für die Nervosität der Behörden und den Notenbank. Die Skeptiker, die sich vor der Einführung der Gemeinschaftswährung Euro in Deutschland zu Wort gemeldet hatten, sind damals wie jetzt wegen ihrer Zweifel bestenfalls publizistisch angegriffen worden.
Abwertung als Rezept?
Selbstverständlich ist die Abwertung neben einem (noch) drastischeren Sparkurs eine mögliche Strategie zur Verhinderung der Zahlungsunfähigkeit. Aber weil die Krise in Lettland andere Ursachen hat, hat sie auch andere Folgen.
Selbstverständlich würde eine Abwertung Exporte verbilligen und Importe verteuern. Während letzteres kein Nachteil für die heimische Wirtschaft sein sollte, es schränkte den ungestümen Konsum von Konsumgütern ein, so liefe ersteres in die Leere – was exportiert Lettland?
Eine Abwertung der Währung würde die Schwierigkeiten bei der Bedienung von Krediten noch einmal deutlich verschärfen. Denn weil die Landeswährung trotz ihres hohen Nennwertes (1 LVL=1,50 Euro) eben keine Hartwährung ist, nach der sich andere Volkswirtschaften die Finger schlecken, haben die meisten ihre Kredite in Fremdwährungen aufgenommen, vorwiegend in Euro, aber auch in Schweizer Franken und Yen. Und da die Kreditnehmer vorwiegend junge Menschen sind, träfe eine Abwertung gerade den produktiven Teil der Gesellschaft am heftigsten. Eine soziale Katastrophe könnte folgen. Und das scheut das offizielle Lettland wie der Teufel das Weihwasser.
Wegen der seit dem EU-Beitritt festen Wechselkursbindung an den Euro wäre die Abwertung nicht allein auf nationaler Ebene entscheidbar, sondern nur in Zusammenarbeit mit der Europäischen Zentralbank. Innerhalb der Europäischen Union gibt es ebenfalls einer Abwertung entgegenstehende Interessen.
Die international engagierten Banken haben schon genug Summen abschreiben müssen. Da in Lettland vorwiegend große Häuser aus Skandinavien aktiv sind wie SEB und Swedbank, würde gerade Schweden sehr viel verlieren.
Der vor allem im Nahrungsmittelbereich umfangreiche innerbaltische Handel würde durch eine Abwertung der nationalen Währung in nur einer Republik das Gleichgewicht aus den Fugen bringen.
Was also tun?
Es besteht kein Zweifel, daß die Regierung Lettlands, werde sie nun von Valdis Dombrovskis geführt oder von jemand anderem, vor der Wahl zwischen Teufel und Beelzebub steht.
Der scheidende Ministerpräsident Ivars Godmanis hat bereits in einem Zeitungsinterview sein Unverständnis über den Sturz seiner Regierung gegrummelt: Es wäre seiner Ansicht nach vernünftiger gewesen, unpopuläre Entscheidungen noch seinem Kabinett aufzubrummen, um nach der Europa- und Kommunalwahl eine neue Regierung zu bilden. Dahingegen behaupten Beobachter, daß die Königsmörder Volkspartei und Grüne und Bauern an der Bereitschaft der Partner zweifelten, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, und aus diesem Grunde das Bündnis erweitern wollten
Jetzt hat Dombrovskis die Erste Partei / Lettlands Weg aus dem Boot geworfen, weil erstens auch ohne sie die Regierungsfraktion auf 64 Mandate kommen und zweitens diese Partei ultimativ am Verkehrsministerium festhalten wollte. Damit hat er nun aber die Königsmörder verärgert, die ihrerseits an der Bündnistreue bei der Neuen Zeit des designierten Regierungschefs ebenso zweifeln wie an der Bürgerlichen Union.
Und in der Tat, deren Fraktionsvorsitzende Anna Seile hat bereits angekündigt, nicht ohne wenn und aber für jeden schmerzhafte Vorschlag zu stimmen. Dem schlossen sich die Abgeordneten Janīna Kursīte-Pakule von der Bürgerlichen Union und Inguna Rībene von der neuen Zeit an, die ihr Gewissen und die Bedeutung der kulturellen Bildung in Lettland vorschoben.
Zweifel bestehen aber nicht nur bei den bislang oppositionellen Kräften. Auch die Bildungsministerin von den Grünen und Bauern, Tatjana Koķe, stellte angesichts des Sparzwangs ihre Bereitschaft in Frage, für das Amt erneut zur Verfügung zu stehen.
Situation bleibt undurchsichtig
Ob Godmanis’ Bereitschaft, alle Unbill auf sich zu nehmen einer staatsmännischen Einstellung oder einem anderen Kalkül geschuldet ist, mag zunächst dahingestellt bleiben. Beinahe erwecken all diese Konflikte um und während der Regierungsbildung den Eindruck, als hätten die Politiker und Parteien vergessen, daß Ende des Monats der Präsident mit einer möglichen Parlamentsauflösung droht.
Daß die Forderungen des Ultimatums in diesem Zeitraum zu erfüllen sind, ist so gut wie ausgeschlossen, zumal die Parteien jetzt genug Zeit mit der Regierungsbildung verbracht haben, welche überdies noch nicht einmal abgeschlossen ist.
Fraglich ist aber auch die Ernsthaftigkeit der Drohung, den Präsident Zatlers spielt ggf. mit seinem Amt. Lehnt das Volk im obligatorischen Referendum das Ansinnen des Staatsoberhauptes ab, so muß er selbst abtreten. Zwar geben zwei Drittel der Bevölkerung an, mit ja stimmen zu wollen. Aber viele Menschen sind auch skeptisch angesichts des Fehlens von Alternativen. Erreicht die Wahlbeteiligung das Quorum von mindestens 50% der Wahlberechtigten nicht, steht der Präsident nicht weniger bedröppelt dar. Und da sei erinnert, daß das Parlament den Präsidenten ebenfalls mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit absetzen kann.
Harte Realität in Lettland
In den letzten Wochen ist immer wieder von Staatsbankrott die Rede, dessen Möglichkeit mitunter in Frage gestellt wird. Dies geschieht deshalb, weil auch ein hochverschuldetes Land eine höhere Kreditwürdigkeit besitzt, als ein Individuum oder eine Firma, die sich als Faß ohne Boden darstellt. Und der Grund für dieses Paradoxon liegt in dem Umstand, daß eine insolvent Firma nach dem Verkauf ihrer Sachwerte zugunsten der Gläubiger einfach verschwindet. Eine Privatperson stirbt irgendwann. Territorium und Einwohner eines zahlungsunfähigen Staatens verschwinden mit der Pleite jedoch nicht.
Wo andere Regierungen im Westen Konjunkturprogramme auflegen, letztlich also Geld drucken, ja sogar Steuern senken (wollen) und die Menschen zum Konsum aufrufen, geschieht in Lettland das Gegenteil.
Wenn im Westen gewitzelt wird, der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus bestehe darin, daß in diesem die Unternehmen erst verstaatlicht und dann ruiniert würden, es im anderen System umgekehrt sei, so ist das lettische Dilemma, daß die Geldwertstabilität ruiniert wurde, bevor die Krise begann, während im Euroraum die Krise mit der (möglichen?) Ruinierung des Geldwertes zu bekämpfen versucht wird.
Gewiß, was die Politik im Euroraum exakt für Folgen haben wird, wagt wohl kaum jemand zu prognostizieren. Tendenziell muß sich jedoch der Druck auf die Inflation erhöhen. Lettland hat diese Option nicht.
Jüngst diskutierten ehemalige Regierungschefs Lettlands über die Lage der Nation im Fernsehen. Während Valdis Birkavs und Māris Gailis, die beiden Regierungschefs während der ersten Saeima nach der wiedererlangten Unabhängigkeit analysierten und Empfehlungen abgaben, gestand Aigars Kalvītis Fehler ein. Andris Šķēle bekundete sein Verständnis, daß vor zwei drei Jahren den Gehaltsforderungen der Gewerkschaften für den öffentlichen Dienst von Seiten der Regierung nicht wiederstanden wurde. Freilich, auch westeuropäische Staaten haben sich in Jahren der sprudelnden Steuereinnahmen nicht vernünftiger Verhalten.
Andererseits behaupteten Indulis Emsis und Andris Šķēle ebenfalls, Lettland trage an der Krise keine Schuld. Diese sei durch eine falsche Politik in den USA ausgelöst worden. Emsis ist kein Wirtschaftsexperte. Doch zugunsten von Šķēle ist man zu vermuten geneigt, daß er diese Behauptung nicht wirklich selbst glaubt.
Tragisch ist, daß die Einwohner Lettlands nicht erst heute die aktuelle Politik für ihre Situation verantwortlich machen und nur wenige verstanden haben, daß die Wurzel des Übels in dem halben Jahrhundert sozialistischer Diktatur liegt. Und dies gefährdet potentiell die demokratische Regierungsform im Lande.
Samstag, 17. Mai 2008
Echte Namen
Aber an Leser, die des Estnischen nicht mächtig sind, ein paar weitere lustige Hinweise auf Ortsnamen, die nicht witzig sind wegen ihrer Buchstabenkombination, sondern wegen ihrer Bedeutung. In Deutschland gibt es unter „echtenamen“ eine Internetseite mit deutschen Beispielen, die weit über Essen, Siegen und Singen hinausgehen.
Unter den kleinen Orten, die in Estland am Straßenrand mit blauen Schildern gekennzeichnet sind, man muß also die Geschwindigkeit nicht auf 50km/h reduzieren, liegen an den Touristenstrecken noch zwei weitere, so „Naistevalla“ auf dem Weg nach Tallinn im Kreis Raplamaa, etwa auf der halben Strecke zwischen Pärnu und Tallinn. Der Name bedeutet soviel wie „Frauengemeinde“. Auf dem Weg von Tallinn nach Narva führt die Landstraß exakt bei einer noch zu erwähnenden Abzweigung durch das Örtchen „Loobu“, wo es auch ein gleichnamiges Rinnsal gibt. Dies ist die Befehlsform des Verbs „loobuma“, und das bedeutet „verzichten“ oder „aufgeben“.
An dieser Stelle geht es ab in eine größere Ortschaft mit einem Namen, der in ganz Estland bekannt ist, nämlich „Tapa“. Tapa wiederum ist die Befehlsform des Verbs „tapma“, und das heißt „töten“. Dazu gibt es in Estland eine Anekdote, die auf dem Umstand beruht, daß es vielerorts zu sowjetischen Zeiten Zeitungen gab, die im Titel den Namen der Gemeinde plus den Begriff Kommunist trugen, also habe es der Legende nach „Tapa Kommunist“ gegeben. Und hier kommt ein interessanter grammatikalischer Aspekt des Estnischen zum Tragen. Im Gegensatz zu anderen sprachen, wo auch in einem Befehls- oder Aufforderungssatz das Objekt im Akkusativ steht, also etwa „töte den Kommunisten“, verhält sich dies im Estnischen anders, hier muß es tatsächlich direkt übersetzt heißen: „töte der Kommunist“. Folglich bedeutete „Tapa Kommunist“ nichts anderes als dies.
Nun kolportiert dieses Gerücht weiter, eines Tages habe ein Este die Sowjets über diesen Umstand aufgeklärt, was auf wenig Freude gestoßen sei. Sofort habe man das Blatt umbenannt in „Tapa edasi“. „Edasi“ nunmehr bedeutet so viel wie „vorwärts“. Dieses Wort kennt man auch in Deutschland als Zeitungstitel. Doch im Estnischen bedeutet es eben auch „weiter“. Der Legende nach wurde folglich aus „töte den Kommunisten“ angeblich „töte weiter“.
Ich habe bisher den Wahrheitsgehalt dieses Geschichte nicht erkunden können. Sie wird jedoch eigentlich immer als Legende bezeichnet.
Samstag, 16. Februar 2008
Das Baltikum
Das Baltikum – dieser Begriff begegnete mir in der Kindheit zunächst in der Wettervorhersage der ARD-Tagesschau mit einem Hoch oder einem Tief über dem Baltikum. Nach der Unabhängigkeit, dem Beitritt zur NATO und EU sind die Länder, die während der 50 Jahre dauernden Eingliederung in die Sowjetunion in Vergessenheit geraten waren, zwar wieder in aller Munde, doch die meisten tun sich mit einer Einordnung schwer. Und in welcher Reihenfolge liegen sie da an der Ostseeküste? Für den deutschen Muttersprachler ist das eigentlich ganz einfach: Von Norden nach Süden in alphabetischer Reihenfolge Estland, Lettland und Litauen.
Nichtsdestotrotz ist das Wissen über die Staaten des Baltikum beschränkt. Welches Land hatte noch einmal welche Hauptstadt? Ich habe mal wochenlang auf einen Brief gewartet, den eine immerhin in Beziehung mit Litauen stehende Organisation mir aus Deutschland zu schicken versprochen hatte, als sich später herausstellte, daß der nach Riga in Litauen gesandt worden war. Aber auch sonst, wenn ich während der 90er Jahre in Deutschland gesagt habe, ich lebe in Estland, dann kam häufig die Rückfrage, „wie? In Island?“ Es wird auch berichtet, daß Lettland regelmäßig mit Lappland verwechselt wird. Einmal habe ich sogar gehört, daß Bekannte einer ins Baltikum reisenden jungen Dame verwundert meinten, da werde doch geschossen. Sie hatten das Baltikum mit dem Balkan verwechselt. Auf die Frage, ob man dort Russisch spricht, antwortete ich immer bestätigend, mußte jedoch oft erklären, daß diese Sprache nicht die Landessprache in den drei Republiken ist.
Zwar weiß man inzwischen in Deutschland schon mehr, doch das Ziel meiner Reiseleitung ist darzulegen, daß die baltischen Länder zwar kleine benachbart liegende Territorien sind, aber doch sehr verschieden, also die baltischen Staaten gar nicht die baltischen Staaten sind. So gibt es allein für den Begriff zwei etymologische Ursprünge.
Zum einen hat sich diese Bezeichnung in Ableitung vom lateinischen Namen der Ostsee, Mare Balticum, im Deutschen im 19. Jahrhundert erst eingebürgert. Die Letten und Litauer sagen übrigens ebenso wie im Englischen Baltisches Meer. Die Esten hingegen nennen es im Grunde wenig überraschend im Gegenteil zum deutschen Namen Ostsee „Läänemeri“, das bedeutet Westmeer.
Der zweite Aspekt ist, daß die Letten und Litauer die beiden letzten übrig gebliebenen Völker der baltischen Untergruppe der indo-europäischen Stämme sind, während die für Preußen seinerzeit namensgebenden Pruzzen sich in Deutschland assimiliert haben. Die Balten sind also weder germanischen Völker noch Slawen. In Europa gehören zu den indo-germanischen Völkern fast alle außer den Finnen, Esten und Ungarn. Diese sind finno-ugrische Völker, deren weitere Verwandte einige eher kleine Volksgruppen in der russischen Föderation sind.
Unübersichtlich wird das Baltikum bei einem Blick in die Geschichte, denn wenn auch Letten und Litauer verwandt sind, so verbindet das historische Geschehen der letzten etwa acht Jahrhunderte die Letten mit den Esten; sie wurden Ende des 12. Jahrhunderts im wesentlichen von den deutschen Ordensrittern nach den gescheiterten Missionen im Heiligen Land im Auftrage des Papstes unterworfen.
Die im Baltikum lebenden Völker waren den Rittern nicht nur militärisch unterlegen, sie hatten keine Metallschwerter und Steinburgen. Generell waren sich die Stämme untereinander in den baltischen Staaten nicht friedlich gesonnen, es hatte sich kein mittelalterliches Staatswesen entwickelt. Das heutige lettische Volk ist aus verschiedenen Stämmen erst spät zusammengewachsen, darunter die namensgebenden Lettgallen, aber auch die baltischen Kuren, nach denen die Kreuzritter den heutigen Westen des Landes benannt haben. Livland, der südliche Teil des heutigen Estlands und der nördliche Teil des heutigen Lettlands verdankt seinem Namen dem finno-ugrischen Volk der Liven, die sich im laufe der Jahrhunderte assimilierten. Mindaugas gelang zwar im 13. Jahrhundert die Einigung des litauischen Volkes, dessen erster König er wurde, doch blieb er auch der einzige, wie die Litauer gerne witzeln. Seine Landsleute waren nämlich von der politischen Neuerung wenig begeistert und ermordeten ihn nach zehn Jahren Regentschaft.
Trotzdem blieb Litauen ein mächtiges Großfürstentum, das lange und erfolgreich gegen die Kreuzritter kämpfte und sich als die letzte Nation Europas das Heidentum bewahrte. Es ist eine Ironie der Geschichte, daß im 14. Jahrhundert der Großherzog dann aus eigenen Stücken zum Katholizismus übertrat, um die polnische Königin Jadwiga (Hedwig) zu heiraten und ein gemeinsames Großreich zu begründen. Heute ist der Katholizismus in Litauen sicher ähnlich wichtig wie in Polen.
Diese Machtkonstellation blieb für gut drei Jahrhunderte maßgebend. Während der dänische König Waldemar das im Auftrag des Papstes eroberte Estland (der nördliche Teil des heutigen Staates) schon im 13. Jahrhundert an die Kreuzritter verkaufte, standen diese im Süden im ständigen Konflikt mit den Litauern, gegen die sie in der bekannten Schlacht bei Tanneberg 1410 im Verbund mit Polen eine empfindliche Niederlage erlitten, was den Anfang vom Ende des Ordensstaates einläutete, der eine Konföderation aus Ordens- und Bischofsländereien war. Den Kreuzrittern gelang es nie, ihre südlichen und nördlichen Territorien miteinander zu verbinden.
Während die Litauer so unabhängig blieben und erst später durch die drei polnischen Teilungen unter den umgebenden Großmächten aufgeteilt wurden, begann eine Zeit der deutschen Prägung in Estland, Livland und Kurland. Den Rittern folgten zahlreiche Händler, Städte wie Reval und Riga, aber nicht nur, gehörten der Hanse an. Für einen sozialen Aufstieg war damals de facto eine Germanisierung unumgänglich. In der vom Schwedenkönig Gustav II. Adolf 1632 gegründeten Universität Dorpat wurde bis zum Ersten Weltkrieg auf deutsch gelehrt.
Diese Situation auf dem Territorium des heutigen Estlands und Lettlands änderte sich grundlegend mit der Reformation, die in den baltischen Ländern von den Hanseaten sehr begrüßt wurde, um das Joch der Kirche abzuschütteln. Jetzt begannen auch die ersten Geistlichen, in der Sprache der Bauern zu predigen, Katechismus und Bibel wurden in die Landessprachen übersetzt.
Gleichzeitig blieb das Baltikum politisch unruhig, weil die umgebenden Mächte Begehrlichkeiten hatten. Während des großen Livländischen Krieges im 16. Jahrhundert konnte Schweden mit Unterstützung des polnisch-litauischen Staates seine Vormachtstellung ausbauen und besiegte Rußland. Die Territorien Estlands und Livlands kamen nach der Auflösung der Livländischen Konföderation 1561 an Schweden, Kurland wurde als polnisches Lehen selbstständig. Dieser Staat war im den folgenden zwei Jahrhunderten wirtschaftlich erfolgreich, es gab sogar zwei Kolonien, die allerdings wohl nur gekaufte Territorien waren ohne Siedler aus dem Mutterland. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts folgte schließlich der Nordische Krieg, in dem Rußland über Schweden obsiegte und auch dessen Besitzungen im Baltikum einnahm. Die dritte polnische Teilung brachte 1795 das gesamte Territorium der heutigen baltischen Staaten unter zaristische Herrschaft.
Zunächst erhofften sich die Menschen eine Verbesserung Ihrer Lage im Kampf gegen die deutsche Oberschicht. Es stellte sich jedoch schnell heraus, daß der Zar eher eine Russifizierungspolitik betrieb. Somit hatten seit der Aufseglung zwar die herrschenden Mächte mehrfach gewechselt, es gab zwar immer wieder mal positive mal negative Veränderungen für die einfache Bevölkerung, aber die Privilegien der Deutschen waren immer wieder weitgehend bestätigt worden, sie waren wichtige Politiker und Militärs unter ihren jeweiligen Landesherren..
Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstand die Bewegung des nationales Erwachens. Bis dahin hatte es keine eigene Literatur gegeben, selbst Esten und Letten waren vielfach der Ansicht, ihre Sprachen seien keine Kultursprachen. Nun aber begannen die ersten Dichter und Schriftsteller zu publizieren, die Nationalepos wurden verfaßt. 1869 und 1873 fanden in Estland und Lettland die ersten allgemeinen Sängerfeste statt. Der lettische Journalist Krišjānis Barons begann, die Volksweisen „Dainas“ zu sammeln – heute das „Nationalheiligtum“ der Letten.
Mit der Oktoberrevolution begannen die baltischen Aktivisten für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen, während die sogenannten Weißen unter Bermondt den Erhalt des russischen Reiches mit Waffengewalt erstrebten. Dabei stellten die Esten erfolgreich nationale Streitkräfte auf, die gegen die junge Rote Armee siegten und fast bis St. Petersburg kamen. In Lettland war die Situation schwieriger, weil hier viele Menschen Anhänger der Kommunisten waren. Zeitweilig gab es drei Regierungen: eine kommunistische, eine nationale und auch eine von deutschen Einheiten unterstützte. Die Entente Mächte hatten nämlich die Deutschen trotz der Niederlage im Ersten Weltkrieg gebeten, das Baltikum im Kampf gegen den Bolschewismus nicht zu verlassen. Aber erst mit estnischer Hilfe gelang es später, das Land zu befreien.
Estland, Lettland und Litauen konstituierten sich als Demokratien, die aber unter den gleichen Problemen litten, wie andere Staaten in dieser Zeit. So folgten 1926 in Litauen und 1934 in Estland und Lettland Putsche und autokratische Regime. Wichtig für die einheimische Bevölkerung war die fast Entschädigungslose Enteignung der deutschen Großgrundbesitzer gleich nach der Unabhängigkeit, die viele deutsche Familien bereits vor der Umsiedlungsaktion Hitlers 1939 nach Deutschland übersiedeln ließ. Für viele Menschen in den baltischen Ländern gelten bis heute die 30er Jahre als goldene Zeit, weil sie auch wirtschaftlich eine Erholung brachte. Lettland war beispielsweise ein großer Exporteur von Butter.
Es waren der Hitler-Stalin Pakt und das geheime Zusatzprotokoll, die Estland, Lettland und Litauen der sowjetischen Interessensphäre zuordneten. Unter dem Vorwand einer Vertragsverletzung marschierte die Rote Armee 1940 ein. Es folgte ein erstes Jahr des Terrors, das abgelöste wurde durch die Okkupation durch die Wehrmacht. Zu einem Zeitpunkt, als die Schrecken der Sowjets bereits allen bekannt waren, verwunderte es weniger, daß die Deutschen von weiten Teilen der Bevölkerung als Befreier gesehen wurden. Nichtsdestotrotz wurden die Juden im Baltikum, die hier das Zentrum der jiddischen Kultur in Vilnius hatten, von den Nationalsozialisten zum größten Teil ermordet. Als 1944 die Rote Armee zurückkehrte, gingen viele junge Männer als Partisanen in die Wälder. Die Sowjetunion reagierte darauf mit neuerlichen Deportationen gerade unter der Landbevölkerung, um den Partisanen die Rückzugsmöglichkeit zu erschweren und den Widerstand gegen die Kollektivierung zu brechen.
Nach Stalins Tod normalisierte sich die Lage, einzig wurden in den folgenden Jahren so viele Menschen aus anderen Sowjetrepubliken angesiedelt, daß die Letten im eigenen Land beinahe zu Minderheit wurden. Nach der Machtübernahme von Gorbatschow mit seiner Reformpolitik formierte sich dann der Widerstand. 1988 konnten Volksfronten und Unabhängigkeitsparteien gegründet werden. Zum 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes bildeten die Menschen mit dem sogenannten „Baltischer Weg“ eine Menschenkette über 600 Kilometer von Tallinn über Riga nach Vilnius. Die neuerliche Unabhängigkeit erlangten die baltischen Republiken schließlich in Folge des Augustputsches 1991 in Moskau, nachdem noch im Januar desselben Jahres bei der Erstürmung des Fernsehturmes in Vilnius und des Innenministeriums in Riga zahlreiche Menschen ihr Leben verloren hatten.
Seither ist die Zusammenarbeit der baltischen Staaten eingeschränkt durch einen zunächst verständlichen Wunsch nach Eigenständigkeit. Als Estland zuerst und allein zu Beitrittsgesprächen mit der EU eingeladen wurde, schaute man dort ein wenig herab auf die südlichen Nachbarn. Aber zunehmend gibt es innerbaltischen Tourismus und ein wieder erwachendes Interesse. Wenn der Sohn des kürzlich verstorbenen Schriftsteller Jaan Kross, Eerik-Niiles Kross, als Geheimdienstkoordinator in der Staatskanzlei vor einigen Jahren gefordert hatte, statt der Trikolore eine Flagge mit Kreuz einzuführen wie in Skandinavien und Estland auf Englisch in Estland umzubenennen, weil sich unter Estonia alle nur an die 1994 gesunkene Fähre erinnerten, wird ein solcher Vorschlag auch von seinen Landsleuten nicht ganz Ernst genommen.
Sonntag, 23. Dezember 2007
Ethnische Minderheiten in den baltischen Staaten
Dabei gelten die Russen oft als Synonym für die Minderheiten schlechthin, obwohl es gerade in Lettland auch Ukrainer und Weißrussen gibt sowie selbstverständlich Menschen aus anderen ehemaligen Republiken der Sowjetunion – die Russen stellen jedoch mit Abstand den größten Anteil.
Aus Beobachtungen werden viele Geschichten über das Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen in den baltischen Staaten berichtet, die sich mitunter diametral widersprechen. Richtig ist sicher, daß es in Lettland und Estland zwei parallele Gesellschaften gibt. Diskotheken und Kneipen, die von jungen Leuten besucht werden, haben entweder ein vorwiegend russisches Publikum oder eben ein estnisches respektive lettisches.
Gerade in Estland wird diese Tendenz durch eine räumliche Segregation verstärkt, die Russen leben außer in der Hauptstadt vorwiegend im Nordosten des Landes, im Landkreis Ida-Virumaa (in den Städten Narva, Sillamäe, Kohtla-Järve und Jõhvi) während im Süden, Zentralestland und auf den Inseln die Esten unter sich sind. Ein zweiter Grund ist der große Unterschied zwischen den beiden Sprachen. Beide Völker tun sich schwer mit der jeweils anderen Sprache. Das ist beides in Lettland ganz anders, wo die Russen in allen Städten etwa die Hälfte der Bevölkerung stellen. In Lettland gab es auch während der Sowjetzeit die höchste Zahl an Mischehen.
In der Wissenschaft äußerte sich beispielsweise der heutige Direktor des Berliner Wissenschaftszentrum, Wolfgang Merkel, in vielen Publikationen kritisch: Lettland sei ein guten Beispiel für demokratieabträgliche Diskriminierung und den Ausschluß der Russen von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rechten.
Dieser Vorwurf ist teilweise einfach unzutreffend. Jeder russische Rentner, auch wenn er kein Wort in der Landessprache spricht, erhält natürlich seine Rente. Auch die wirtschaftliche Aktivität, etwa eine Unternehmensgründung, ist nicht an die Staatsbürgerschaft gebunden. Und besonders in Lettland pfeifen es die Spatzen von den Dächern, daß die Erwartungen an Hilfe vom Staat besonders unter Letten groß ist, die auch Beamte sein können. Die Vertreter der Minderheiten hingegen sind der wirtschaftlich aktivere Teil der Bevölkerung.
Einzig sind die Russen tatsächlich von der politischen Partizipation ausgeschlossen, was angesichts allgemeiner Politikverdrossenheit (siehe entsprechender Blog) für viele Einwohner ein vernachlässigbares Problem ist. Genügend Staatsbürger gehen sowieso nicht zur Wahl. Da die Russen in Estland an einigen Orten sehr konzentriert leben, genießen die Nichtbürger dort das kommunale Wahlrecht, was sich bis zu einigen Brüsseler Offiziellen bis heute nicht herumgesprochen hatte. 2007 hatte der Präsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, René van der Linden, anläßlich eines Besuches Estland in diesem Punkt kritisiert, woraufhin die estnische Parlamentspräsidentin, Ene Ergmaa, offiziell und schriftlich protestierte.
Trotz dieser Umstände und auch trotz des Umstandes, daß unmittelbar nach der Unabhängigkeit das Russische für eine Weile bei den Titularnationen der Baltischen Staaten unbeliebt war, kann nicht behauptet werden, daß die Durchschnittbevölkerung gegenüber einem einzelnen Russen die Rechnung der historischen Verbrechen der Sowjetunion aufmache. Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Und so gab im Baltikum es im Gegenteil zu Deutschland kein Hoyerswerda, Mölln oder Solingen. Die Ereignisse in Tallinn 2007 als Protest gegen die Versetzung eines Denkmals sind die einzigen ethnisch motivierten Ausschreitungen gewesen.
2004 befürchteten viele Ausschreitungen in Lettland am 1. September, der traditionell der erste Schultag ist. Damals trat ein neues Bildungsgesetz in Kraft, nach dem die russischen Schüler einen Teil der Fächer auf Lettisch unterrichtet bekommen. Eine diffizile Frage, geht es doch sowohl darum, daß Schüler den Stoff benötigen, aber die Sprache sollten sie auch gut erlernen.
Die meisten Vertreter der Russen sind zwar während der Sowjetzeit zugewandert, ein großer Teil der ethnischen Minderheiten lebt in Lettland aber schon viel länger. Lettland hat von 1629 bis 1918 eine territoriale Trennung mit wechselnden Herrschaften erfahren, was vorwiegend auf den Livländischen Krieg im 16. Jahrhundert und den großen Nordischen Krieg im 18. Jahrhundert zurückgeht, in denen Schweden, Rußland und Polen-Litauen um die Vorherrschaft im Baltikum rangen.
So geriet Lettland nach dem Zerfall des Livländischen Ordens unter schwedische und polnisch-litauische Herrschaft und selbst nach der dritten polnischen Teilung 1795, als das gesamte Baltikum an das Zarenreich fiel, blieb der Osten des Landes, Lettgallen, Teil des Gouvernements Vitebsk. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, warum gerade im an Weißrußland grenzenden Osten des Landes heute viele Weißrussen und Polen leben. Allerdings war auch Riga im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Magnet, die viertgrößte Metropole des Zarenreiches war damals de facto wenigstens dreisprachig, Lettisch, Russisch und Deutsch.
Ein Teil dieser historisch im Baltikum siedelnden Minderheiten ist durch die tragischen Ereignisse vor und während des Zweiten Weltkrieges verschwunden. Die – nur in Estland und Lettland lebenden – Deutschbalten, die Nachfahren der im Mittelalter eingewanderten Ordensritter und Händler, die in den Städten wie auch durch Großgrundbesitz auf dem Lande über Jahrhunderte die Oberschicht bildeten, übersiedelten zum größten Teil 1939 „heim ins Reich“. Nur wenige Menschen blieben freiwillig im Baltikum. Die ehemals besonders in Lettgallen ansässige jüdische Bevölkerung wurde während des Zweiten Weltkrieges von den Nationalsozialisten ermordet. Unter der polnisch-litauische Herrschaft war die Gegend und Vionius vorher ein Zentrum der jiddischen Kultur.
Nichtsdestotrotz war die ethnische Zusammensetzung bis zum Zweiten Weltkrieg, also bis zur Okkupation der baltischen Staaten durch die Sowjetunion eine andere als gegenwärtig. In Estland waren annähernd 90% der Bevölkerung estnisch, in Lettland etwa 80%. Die Deutschbalten haben immer nur eine sehr kleine Oberschicht gestellt. Inklusive der zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion noch stationierten Militärs war bis zu diesem Zeitpunkt in Lettland fast die Hälfte der Einwohner keine Letten. Dies ist zurückzuführen auf eine starke Migration in Richtung der baltischen Republiken. Nach dem Abzug 1994 ist der Anteil der lettischen Bevölkerung bei etwa 60%, dabei darf nicht vergessen werden, daß solche Zahlen auch immer davon abhängig sind, als was sich die Menschen, unabhängig von ihren Vorfahren, selbst fühlen.
Nun ist es umstritten, inwiefern von einer bewußten Russifizierungspolitik der sowjetischen Behörden gesprochen werden darf. Sicher ist, daß während der Sowjetzeit Esten und Letten sich politisch so weit zurückhielten, daß die Parteichefs ihrer Republiken im Gegenteil zu Litauen keine Einheimischen waren – respektive der Landessprache nicht mächtige, aus Rußland reimportierte Funktionäre. Während die Litauer den Bau neuer Fabriken immer wieder abwehrten, wurden in Estland und Lettland Werke dort errichtet, wo entsprechende Arbeitskräfte nicht ansässig waren und die dann einfach aus anderen Republiken angesiedelt wurden.
Darüber hinaus ist es richtig, daß noch unter Stalin viele Kriegsrückkehrer, und darunter nicht nur die Soldaten, sich zwar nicht mehr aussuchen durften, wo sie sich niederließen, die Rückkehr in ihre Heimat aber verwehrt wurde. Später jedoch gingen viele Russen gerne ins Baltikum, da dies in der Sowjetunion mit einer besseren Versorgungslage als der „Westen“ galt. Hinzu kam der Freizeitwert an der Ostseeküste.
Als die baltischen Staaten 1991 ihre Unabhängigkeit erlangten, hatte Litauen im Unterschied zu Estland und Lettland einen etwa der polnischen Minderheit entsprechenden russischen Bevölkerungsanteil von unter 10%. Betrachtet man die Zustimmungsrate bei den vorangegangenen Unabhängigkeitsreferenden, an denen noch alle Einwohner hatten teilnehmen dürfen, also auch die Russen, so kann konstatiert werden, daß dieser Bevölkerungsanteil sich ebenso von der Abkehr von Rußland ein besseres Leben versprach. Während sich Litauen in der Frage der Staatsbürgerschaft für eine Null-Lösung entscheiden konnte, das heißt jeder Einwohner konnte sie beantragen, erhielten in Lettland und Estland nicht alle Menschen automatisch einen Paß der nunmehr unabhängigen Republiken. Und dies stieß international auf harsche Kritik.
Hintergrund dieser Politik ist, daß sich Estland, Lettland und Litauen als die Fortsetzung der 1918 gegründeten Staaten verstehen, die nur ein halbes Jahrhundert nicht handlungsfähig waren. Somit erhielten zunächst einmal nur jene Personen, die vor 1940 Staatsbürger waren inklusive deren Nachfahren automatisch einen estnischen respektive lettischen Paß.
Das junge Sowjetrußland hatte in den Friedensverträgen von 1920 für alle Ewigkeit auf das Baltikum verzichtet, und die Aufnahme in die Sowjetunion 1940 wurde von kurz zuvor aus unfreien Wahlen hervorgegangenen Parlamenten beantragt. Diese Inkorporation in die Sowjetunion war international nie anerkannt worden.
Somit fanden sich die zur Unabhängigkeit positiv eingestellten Russen in einem fremden Nationalstaat wieder, was viele nicht erwartet hatten und dann eben auch ablehnten. Diese Menschen als Staatsbürger das Schicksal des neuen Staates mitgestalten zu lassen, hätte Instabilität nach sich ziehen können, denn Themen wie offizielle Staatssprache als Status für das Russische kämen einer Zementierung der Folgen von 50 Jahren Okkupation gleich.
Immerhin machten Estland und Lettland das Schicksal der Staatenlosigkeit nicht unausweichlich. Die ethnischen Russen konnten selbstverständlich die russische Staatsbürgerschaft erhalten. In beiden Fällen erhielten alle Menschen, die in den Jahren zuvor dauerhaft in Estland oder Lettland gelebt hatten eine Daueraufenthaltsgenehmigung. Niemand wurde also aus dem Land gedrängt und mit den Staatenlosen-Dokumenten war einzig je nach Staat die Reise ins Ausland mit einem häufigeren Erfordernis eines Visums verbunden.
Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, sich in Estland und Lettland einbürgern zu lassen, was mit Prüfungen der Sprach- und Geschichtskenntnisse verbunden ist, der nächste Punkt heftiger Kritik insbesondere aus dem westlichen Ausland. In der Tat sind beide Prüfungen insofern ein Problem, als der Geschichtsunterricht in der Sowjetzeit nicht ideologisch unbelastet war. Schlimmer noch aber wurden Fremdsprachen so gut wie nicht unterrichtet und eine Notwendigkeit oder auch nur Wünschbarkeit, die Sprachen der baltischen Republiken zu erlernen, wurde den dort angesiedelten Russen ausgeredet.
Auf der anderen Seite sind regelmäßig auftauchende Behauptungen, diese Prüfungen seien furchtbar schwierig, unzutreffend. In beiden Ländern müssen die Prüflinge vor einer Kommission von etwa fünf Damen in der Lage sein zu erklären, wie sie heißen, woher sie kommen, was sie beruflich machen etc. Dies muß nicht fehlerfrei sein, sondern halbwegs fließend und verständlich. Danach folgte in Estland ein Diktat von 100 Wörtern, in Lettland ein kleiner Aufsatz. Das entspricht einer halben DIN A4 Seite. Der Text lautete wie folgt: „Nach Tallinn kommen viele Touristen, viele Touristen wohnen in Hotel Viru, von Hotel Viru hat man einen schönen Blick auf die Altstadt“ und in diesem Stil weiter.
Wenn heute in der Presse von Diskriminierung der Russen in den baltischen Staaten die Rede ist, muß darauf hingewiesen werden, daß die wenigsten vor Ort lebenden Russen dies selbst so sehen – von einigen Verbandsfunktionären einmal abgesehen, die z.B. MdB Ulla Jelpke im Oktober 2007 gesprochen hat (siehe entsprechende Posts Jelpke 1 und Jelpke 2). Die meisten Russen wissen sehr genau, daß es ihnen im Baltikum besser geht als im Heimatland. Von Diskriminierung spricht vorwiegend Rußland selbst, diskriminiert aber die eigenen Leute bei der Visavergabe, wenn diese eine Staatsbürgerschaft des Baltikums haben.
Diese Friktionen haben in den letzten Jahren immer mehr nachgelassen. Und seit das Territorialprinzip der Staatsbürgerschaft gilt, das Deutschland übrigens auch erst im Jahr 2000 eingeführt hat, lösen sich die erwähnten Probleme biologisch.
Samstag, 22. Dezember 2007
Leben und soziale Situation im Baltikum
Das offizielle Durchschnittseinkommen in Lettland liegt bei etwa 250 bis 300 Lat, und das ist deutlich weniger als 500 Euro. Damit sind die Letten statistisch noch hinter Portugal das Armenhaus Europas. Aber stimmt das?
Im Jahre 2002, also ungefähr ein Jahr vor dem Referendum, hat der lettische Journalist Juris Paiders ein Buch unter dem Titel „Ne¯ Eiropas Savieni¯bai“ also „Nein der Europäischen Union“ herausgegeben. Das Buch ist aber weniger ein Pamphlet gegen den Beitritt als eine Analyse der aktuellen wirtschaftlichen Situation in Lettland und der Folgen, die ein EU Beitritt zeitigen wird. Paiders schreibt, daß in einer durchschnittlichen lettischen Wohnung von der Kaffeemaschine über den Kühlschrank, Fernseher und Videorekorder bis hin zum Computer alles vorhanden ist. Und so viel ist klar, mit dem vorher genannten Durchschnittseinkommen ließe sich dies nicht finanzieren.
Einnahmen
Einstweilen ist es in den baltischen Staaten nicht Ungewöhnliches, daß Menschen mehr als eine Arbeitsstelle haben. Insbesondere in Lettland ist es außerdem ein leidliches Thema, daß viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter offiziell zum gesetzlich festgelegten Mindestlohn beschäftigen, zusätzlich aber das sogenannte „Umschlageinkommen“ zahlen, in klaren Worten formuliert, diese Menschen arbeiten also halb schwarz – zu ihrem eigenen Nachteil, denn natürlich werden für diese zusätzlichen Zahlungen keine Sozialabgaben abgeführt. Im Handwerk und auf dem Bau ist die Zahl der grundsätzlich schwarz Arbeitenden sowieso hoch.
Und damit läßt sich auch eine zweite beliebte Frage der Touristen beantworten: Wie hoch ist denn hier die Arbeitslosigkeit? Hier war die Antwort vor der Krise unproblematisch: Es gab in den baltischen Ländern keine Arbeitslosigkeit. Abgesehen davon, daß die Transferzahlungen des Staates gering sind und es sich nur für wenige wirklich Arbeitslose lohnt, sich registrieren zu lassen, gibt es auch genügend Kollegen, die als offizielle Arbeitslose die Unterstützung mitnehmen und nebenbei schwarz weiterarbeiten. Hier müssen viele Arbeitgeber keine große Überredungskünste besitzen. Eine aus der Sowjetzeit geerbte negative Einstellung gegenüber dem Staat und Vorschriften läßt hier wenig Unrechtsbewußtsein entstehen.
Aber daß es eigentlich keine Arbeitslosigkeit gab, lag vorwiegend an der Öffnung der Arbeitsmärkte in Irland und Großbritannien mit dem Beitritt zur Europäischen Union 2004. Zwar arbeiten dort viele Menschen in Positionen, die ihrem Bildungsniveau nicht entsprechen, aber der mutmaßlich höhere Lohn hat viele in Unkenntnis der auch höheren Lebenshaltungskosten gereizt. Durch den gleichzeitigen Boom im Inland fehlten in den baltischen Ländern de facto Arbeitskräfte und es gab Plakatwerbeaktionen, welche die Menschen zum Bleiben aufforderten und Diskussionen über die Notwendigkeit, Gastarbeiter aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken ins Land zu holen.
Ausgaben
Die Frage, welche Ausgaben die Menschen im Baltikum haben, unterscheidet sich aber noch deutlicher von Westeuropa. Was kostet hier eine Miete? Auch diese Frage ist unter Touristen beliebt. Und hier muß daran erinnert werden, daß der Löwenanteil der Wohnbausubstanz in den baltischen Staaten zu sowjetischer Zeit errichtet wurde, und das heißt, es gab nie einen Eigentümer, die Wohnung wurden von der Stadtverwaltung oder den Werken verwaltet. Dank der Voucherprivatisierung konnten so die Menschen fast überall Eigentümer der Wohnungen werden, die seit bereits lange bewohnten. Die Verwaltungen wurden in Kooperativen umgewandelt, die mit Wohnungsbaugesellschaften in Deutschland vergleichbar sind. Die Bewohner zahlen nur die sogenannten Kommunalgebühren, also die Betriebskosten. In einer ungefähr 47km2 großen, typischen Zwei-Zimmer-Chruschtschowka (benannt nach dem Parteichef in der Zeit, in welcher sie errichtet wurden), betrug diese Summe 2004 nur etwa 25 Euro im Monat. Während der Heizperiode steigt dieser Betrag jedoch deutlich an, denn die sozialistischen Wohnhäuser sind ausnahmslos fernbeheizt. Da die Energiekosten auch in den baltischen Staaten in den letzten Jahren gestiegen sind, gibt es natürlich Parteien, die sich mit Lösungen nur für ihre Wohnung von diesem Netz abkoppeln.
Aber darüber hinaus pflege ich zu sagen, daß Kartoffeln nicht wie in Deutschland im Supermarkt wachsen. Die meisten Familien haben Kleingärten in einem Radius von bis zu 100km von ihrem Wohnort, wo Gemüse und Obst angebaut werden, in Gewächshäusern „Marke Eigenbau“ werden meist auch Tomaten gezüchtet.
Diese Struktur kann nur existieren dank einer innerfamiliären Zusammenarbeit über drei Generationen. Selbstverständlich helfen die Kinder mit, aber auch die Großeltern werden eingebunden. Die Rentner sind so gering, daß die Alten gezwungen sind, beispielsweise in im Baltikum noch allgegenwärtigen Pförtnerpositionen zu arbeiten – die gibt es sogar in Studentenwohnheimen, denn die Studenten leben fast nirgends allein auf einem Zimmer, und am Eingang wird der Besuch kontrolliert – oder aber von ihren Kindern finanziell unterstützt werden, wofür eine Gegenleistung erbracht wird, indem die Rentner im Garten arbeiten und auch auf die Kinder aufpassen, denn die Eltern arbeiten wie erwähnt sehr viel.
Darüber hinaus gibt es in den baltischen Ländern neben anderen einen besonderen Volkssport: das sammeln von Beeren und Pilzen. Wegen der dünnen Besiedlung und des feuchten Klimas gibt es beides in Hülle und Fülle. Hier gedeihen auch die in Deutschland weitgehend unbekannten Moosbeeren, auf Estnisch „jõhvika“ und auf Lettisch „dze¯rvene“. Die Popularität dieser Tätigkeit ist so groß, daß die lettische Sprache dafür sogar eigene Verben kennt: „oga“ ist die Beere und „ogot“ bedeutet, sie zu sammeln. „Se¯ne“ bedeutet Pilz und „se¯n¸ot“ kann man nur mit „in die Pilze gehen“ übersetzen.
Kredite
Dies sind natürlich die Aspekte, die eine Touristengruppe bei einer nur wenige Tage dauernden Reise mit Ausnahme der am Straßenrand feilgebotenen Pilze und Beeren nicht zu Gesicht bekommt. Dafür springt ihnen beim Altstadtrundgang insbesondere in Riga etwas anderes ins Auge: die Vielzahl der großen und teuren Autos.
Zunächst muß einschränkend hinzugefügt werden, daß sich diese Beobachtung vor allem auf das Zentrum konzentriert. Da es nämlich keine große Mittelschicht gibt, die wie etwa in Deutschland einen Neuwagen der Mittelklasse erwirbt und diesen über zehn und mehr Jahre fährt, fehlt im Straßenbild dieses Segment von PKW. Es gibt fast ausschließlich die teuren Wagen und eben viele weit mehr als zehn Jahre alten, aus dem Ausland gebraucht eingeführten Autos.
Die meisten Fahrzeuge sind aber kein Privateigentum. Für die Buchhaltungen der ausländischen Firmenvertretungen ist es sinnvoller, einen Qualitätswagen über einen Leasingvertrag zu beschaffen, als die örtlichen Mitarbeiter mit Gebrauchtwagen auszustatten. Und diese, meist sehr jungen Personen, dürfen das Auto auch in ihrer Freizeit benutzen. Und geleast oder auf Ratenzahlung erworben sind zweifelsohne auch mehrheitlich die Fahrzeuge im Privatbesitz. Aber selbstverständlich gibt es in den baltischen Staaten auch Menschen, die in den letzten Jahren reich geworden sind, und sich die großen Wagen tatsächlich leisten können.
Dies muß man vor dem Hintergrund einer Lebenserfahrung verstehen, die in den vergangenen Jahren gezeigt hat, daß sich die Umstände schnell ändern können. Darüber hinaus sind die Gesellschaften der postsozialistischen Staaten noch erheblich mehr in der Moderne als der Westen, wo postmaterialistische Werte einen großen Teil der Gesellschaft erfassen. Im Baltikum wird eben gerne konsumiert, wenn es irgend möglich ist und dies auch gern gezeigt. Alleine die Einfahrt in die Altstadt kostet 5 Lat in der Stunde. Die Auswirkung dieses Snobismus zeigen sich außerdem in einer Vielzahl sogenannter Wunschkennzeichen, die in Lettland völlig frei wählbar sind. Und so kann es passieren, daß man einen Hummer mit dem Kennzeichen „ROLEXXX“ sieht.
Und selbst vor einem Studentenwohnheim, wo der Einzelne nicht einmal über ein eigenes Zimmer verfügt, sind oftmals mehrere Autos geparkt, deren Besitz man keinem Studenten zutrauen würde. Jedoch arbeiten die jungen Leute in der Regel spätestens ab dem zweiten Studienjahr und machen ob ihrer „zeitgemäßeren“ Kenntnisse nach Auslandsaufenthalt und Dank umfangreicher Sprachkenntnisse Karriere. Mit 300 Lat Monatseinkommen ist man dann kreditwürdig genug, und selbstredend kommen ein BMW und ein modernes Handy bei den Mädels in einer doch ziemlich materialistisch orientierten Gesellschaft besser an ...
Sonntag, 16. Dezember 2007
Die Lettische Sprache
Ausländer deutscher oder englischer Muttersprache, die versuchen, sich das Lettische anzueignen, stöhnen meist wegen der vielen zu erlernenden Endungen sowohl bei den Deklinationen als auch bei den Konjugationen. Nicht selten heißt es, das sei ja wie Latein. Diese Beobachtung ist nicht von der Hand zu weisen, andererseits ist das Erlernen so schwierig auch nicht, ähneln sich doch die Endungen in konkreten Kasus, aber auch grammatikalischen Personen. Und noch etwas, sitzen die Endungen erst einmal, gibt es erheblich weniger Schwierigkeiten mit Idiomatik und Satzstellung als im Englischen oder Deutschen; das Lettische läßt dem Sprecher weitgehende Ausdrucksfreiheit, denn wer was mit wem macht, das wird Dank der Endungen verständlich. Und noch eine positive Nachricht für den Lernwilligen: Lettisch ist eine sehr regelmäßige Sprache, es gibt kaum Ausnahmen.
Dem Beobachter wird anhand von Aufschriften schnell auffallen, daß es im Lettischen, auch wenn es die lateinische Schrift verwendet, zahlreiche Buchstaben gibt, die sich auf einer deutschen oder englischen Tastatur nicht finden. Da sind die Balken über den Vokalen und die Häkchen unter einigen Konsonanten zu erwähnen. Diese Sonderzeichen wurden in der Zwischenkriegszeit anläßlich einer Rechtschreibreform von Ja¯nis Endzeli¯ns eingeführt. Die vorherige Schreibweise lehnte sich an ein deutsches Verständnis an, weil die Schriftsprache erst nach der Reformation langsam zu entstehen begann, als die vorwiegend deutschen Priester begannen, in der Landessprache zu predigen sowie Katechismus und Bibel zu übersetzen.
Endzeli¯ns verordnete den Letten eine logische Rechtschreibung, in dem Buchstaben ein Laut zugeordnet ist, Besonderheiten wie die Diphthonge „ie“ oder „ei“ im Deutschen oder das „th“ im Englischen gibt es nicht, alle Buchstaben sind separat zu artikulieren. Auch stimmhaftes und stimmloses S werden durch die Schreibweise mit Z respektive S im Gegenteil zum Deutsche sichtbar. Darum läßt sich auch jedes unbekanntes Wort mühelos richtig aussprechen. Dabei kommt außerdem die Betonung auf der ersten Silbe zur Hilfe, welche die Letten Dank eines Einflusses aus dem finno-ugrischen Livischen übernommen haben. Diese war die Sprache eines Volkes, welches auf dem heutigen Territorium Lettlands siedelte, sich aber durch die Jahrhunderte assimilierte. Eine der wenigen Ausnahmen davon ist „paldies“, Danke.
Der Reformer ging jedoch noch weiter und setzte Balken auf jene Vokale, die lang auszusprechen sind an Stelle eines Dehnungs-H. Die umgekehrten Dächer auf den Zischlauten C, S und Z stellen die Laute „tsch“, „sch“ und „dsch“. Die Häkchen unter den Konsonanten wiederum kennzeichnen sogenannte Palatalisierungen, Erweichungen: das bedeutet, der Sprechende legt bei der Aussprache des entsprechenden Buchstabens die Zunge weitgehend an den Gaumen.
Mit sieben Fällen hat Lettisch zwar mehr als das Deutsche, das muß aber nicht unbedingt heißen, daß dies die Sprache schwieriger macht. So gibt es etwa einen Lokativ, der auf die Fragen wo und wann antwortet, womit eine Vielzahl von im Deutschen oder Englisches mühsam zu erlernenden Präpositionen wegfallen. Die Hauptstadt Lettland heißt Ri¯ga, auf Lettisch mit langem I; Ri¯ga¯, also auch mit langem A am Ende bedeutet „in Riga“.
Dies erzähle ich am Herder-Denkmal (Johans Gotfri¯ds Herders) in der Altstadt:
Samstag, 15. Dezember 2007
Wie funktioniert Politik im Baltikum?
Um Politik in den baltischen Staaten zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, welche Lebenserfahrung die Menschen nicht nur hier, sondern im gesamten post-sozialistischen Raum mitbringen. Während der herrschaft der kommunistischen Parteien gab es zwar keine Freiheit, dafür aber soziale Sicherheit, wenn auch auf niedrigem Niveau. Weder die Arbeit noch die Wohnung konnte man verlieren. Das Gefühl der wirtschaftlichen Unsicherheit, welches in marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften zum Lebensalltag gehört, ist für die Menschen aus den vormals künstlich nivellierten Gesellschaften hier neu. Und weitgehende Unkenntnis herrschat darüber vor, daß dieses Gefühl im „Westen“ eben auch normal ist. Daher rührt die Unzufriedenheit.
So viel als Hintergrgund. Die Parteiensysteme wie auch die Regierungen in Osteuropa sind sehr unbeständig. Was das Schicksal konkreter politischer Kräfte anbetrifft, muß ich teilweise selbst in meiner Doktorarbeit nachschauen, weil man die vielen Veränderungen kaum nachhalten kann.
In fast allen postsozialistischen Staaten werden zumeist bei Wahlen die amtierenden Regierungen wegen der allgemeinen Unzufriedenheit aus dem Amt gejagt. Selten kam einstweilen der Sieg einer regierenden Koalition vor. Zumeist jedoch halten die Regierungen wenigstens eine Legislaturperiode durch, was im Baltikum bis anhin noch kein einziges Mal der Fall war. Und hier schießt Lettland den Vogel ab, demnächst wird bereits die 18. Regierung seit 1990 vereidigt werden.
Um dies zu verstehen, ist ein Blick auf die politische Kultur erforderlich. Und da kann man mit ganz einfachen Beobachtungen das Verhalten der Bevölkerung betreffend beginnen. Als reales Beispiel berichte ich von einer Familie mit zwei Töchtern im Alter von 17 und 19 Jahren aus Tukums. Die Eltern beklagen immer, sie hätten zu wenig Geld; und es stimmt, sie kommen mit ihren beiden Einkommen eben so über die Runden. Aber dann schränkt die Mutter ein: zu Maxima (eine litauische Supermarktkette) könne sie nicht gehen, weil es dort nur litauische Produkte gebe, sie möchte aber lettische kaufen. Zu Super Netto (eine Kette wie Aldi oder Lidl) könne sie nicht gehen, weil man da die Waren aus dem Karton nehmen muß. Daß sich dieses Konzept auch in Westeuropa in vielen Ländern durchgesetzt hat, will sie dann natürlich nicht glauben. Außerdem möchte sie nicht in einen Second Hand Laden einkaufen, weil sie sich nicht vorstellen könne, etwas anzuziehen, was schon vor ihr mal jemand getragen hat. Ich berichte dann von meiner Kindheit, in der Oma von Besuchen beim Onkel zurückkam, der vier ältere Kinder hatte, und wir selbstverständlich viel auftragen mußten. Daß sich nicht alle Eltern in Deutschland finanziell erlauben können, die schnell wachsenden Kinder alle sechs Monate neu einzukleiden, glaubt sie ebenfalls nicht.
Hintergrund für die politische Entwicklung ist also ein schiefer Blick auf den Westen, der oftmals als Schlaraffenland betrachtet wird. Als Helmut Kohl 1998 die Bundestagswahl verlor, wurde ich gefragt, was denn mit uns Deutschen los ist, warum wir denn Helmut Kohl nicht mehr wollten, wo es uns doch gut gehe. Mit anderen Worten, die Menschen im Baltikum sind davon ausgegangen, daß der Bundeskanzler persönlich dafür verantwortlich ist, wie hoch das Einkommen des einzelnen ist, und daß im Baltikum eben eine korrupte Regierung nicht bereit sei, den Menschen ein höheres Einkommen auszuzahlen. Des weiteren, und das ist für die Touristen eine erste Pointe, verstehen eben viele Menschen die Welt so, daß die Kommunisten versprochen haben, alles werde besser, dieses Versprechen aber nicht einhielten, also logen, während im Westen die Politiker die Wahrheit sagen und ihre Versprechen halten!
Auf diese Art und Weise ist eine Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensumständen, die an einer völlig falschen Latte gemessen werden, vorausprogrammiert. Dies ist der Grund dafür, warum dann regelmäßig andere politische Kräfte ans Ruder kommen. Diese Tendenz wird verstärkt durch die Erinnerung an die autoritäre Herrschaft der Zwischenkriegszeit, als es wirtschaftlich bergauf ging. Beide Aspekte zusammen sorgen für eine Sehnsucht nach einer starke Hand. Und so konnten populäre Politiker lange immer wieder neue Parteien gründen, die dann auch auf Anhieb gewählt werden – in Lettland etwa ist derzeit nur noch eine Partei im Parlament, die dort bereits 1993 vertreten war.
Dese politische Kultur treibt mitunter abenteuerlich Blüten; es geschehen Dinge, die im Westen unvorstellbar wären. Vor den Wahlen 2002 gründete der damalige Präsident der Nationalbank in Lettland, Einars Repše, eine neue Partei. Populär war er wegen des hohen Nennwertes der nationalen Währung, die natürlich im Grunde nur eine politische Entscheidung ist, sie hat mit der Kaufkraft nichts zu tun. Repše erklärte, er werde zwei Konten einrichten, eines für die Partei und eines für sich, denn er habe ja auch Familie und gehe mit der Aufgabe des gut bezahlten Jobs ein Risiko ein, die Menschen möchten daher spenden – und das taten sie auch. Zwar kam die verlangte Summe, die Repsˇe zur Voraussetzung gemacht hatte, nicht zusammen, aber dennoch eine erkleckliche. Dies ist die zweite Pointe für die Gäste.
Nachdem Repše die Wahlen erwartungsgemäß gewonnen hatte, führte er dann zunächst zur Förderung der Transparenz in der Politik seine Koalitionsverhandlungen vor laufenden Fersekameras, was natürlich ein Unding ist. Anschließend richtete er in der Staatskanzlei eine neue Abteilung ein: Nejēdzību Noveršanas Birojs, das Büro zur Verhinderung von Unsinn. Auch hier lachen die Besucher; in Lettland haben dies die meisten Bürger Ernst genommen.