Sonntag, 16. Dezember 2007

Die Lettische Sprache

Lettisch bildet gemeinsam mit Litauisch die baltische Untergruppe der indo-europäischen Sprachen, zu welchen von Russisch bis Portugiesisch fast alle Sprachen Europas gehören. Die Ausnahme im Baltikum ist beispielsweise das Estnische als finno-ugrische Sprache. Lettisch ist aber trotzdem eine verhältnismäßig junge Sprache, es ist im Laufe der Jahrhunderte entstanden mehreren Sprachen baltischer Stämme wie u.a. der Kuren, Semgaller und Lettgaller. Litauisch dagegen gilt als die der indeo-europäischen Ursprache am ähnlichsten verbliebene, also als die archaischste.
Ausländer deutscher oder englischer Muttersprache, die versuchen, sich das Lettische anzueignen, stöhnen meist wegen der vielen zu erlernenden Endungen sowohl bei den Deklinationen als auch bei den Konjugationen. Nicht selten heißt es, das sei ja wie Latein. Diese Beobachtung ist nicht von der Hand zu weisen, andererseits ist das Erlernen so schwierig auch nicht, ähneln sich doch die Endungen in konkreten Kasus, aber auch grammatikalischen Personen. Und noch etwas, sitzen die Endungen erst einmal, gibt es erheblich weniger Schwierigkeiten mit Idiomatik und Satzstellung als im Englischen oder Deutschen; das Lettische läßt dem Sprecher weitgehende Ausdrucksfreiheit, denn wer was mit wem macht, das wird Dank der Endungen verständlich. Und noch eine positive Nachricht für den Lernwilligen: Lettisch ist eine sehr regelmäßige Sprache, es gibt kaum Ausnahmen.
Dem Beobachter wird anhand von Aufschriften schnell auffallen, daß es im Lettischen, auch wenn es die lateinische Schrift verwendet, zahlreiche Buchstaben gibt, die sich auf einer deutschen oder englischen Tastatur nicht finden. Da sind die Balken über den Vokalen und die Häkchen unter einigen Konsonanten zu erwähnen. Diese Sonderzeichen wurden in der Zwischenkriegszeit anläßlich einer Rechtschreibreform von Ja¯nis Endzeli¯ns eingeführt. Die vorherige Schreibweise lehnte sich an ein deutsches Verständnis an, weil die Schriftsprache erst nach der Reformation langsam zu entstehen begann, als die vorwiegend deutschen Priester begannen, in der Landessprache zu predigen sowie Katechismus und Bibel zu übersetzen.
Endzeli¯ns verordnete den Letten eine logische Rechtschreibung, in dem Buchstaben ein Laut zugeordnet ist, Besonderheiten wie die Diphthonge „ie“ oder „ei“ im Deutschen oder das „th“ im Englischen gibt es nicht, alle Buchstaben sind separat zu artikulieren. Auch stimmhaftes und stimmloses S werden durch die Schreibweise mit Z respektive S im Gegenteil zum Deutsche sichtbar. Darum läßt sich auch jedes unbekanntes Wort mühelos richtig aussprechen. Dabei kommt außerdem die Betonung auf der ersten Silbe zur Hilfe, welche die Letten Dank eines Einflusses aus dem finno-ugrischen Livischen übernommen haben. Diese war die Sprache eines Volkes, welches auf dem heutigen Territorium Lettlands siedelte, sich aber durch die Jahrhunderte assimilierte. Eine der wenigen Ausnahmen davon ist „paldies“, Danke.
Der Reformer ging jedoch noch weiter und setzte Balken auf jene Vokale, die lang auszusprechen sind an Stelle eines Dehnungs-H. Die umgekehrten Dächer auf den Zischlauten C, S und Z stellen die Laute „tsch“, „sch“ und „dsch“. Die Häkchen unter den Konsonanten wiederum kennzeichnen sogenannte Palatalisierungen, Erweichungen: das bedeutet, der Sprechende legt bei der Aussprache des entsprechenden Buchstabens die Zunge weitgehend an den Gaumen.
Mit sieben Fällen hat Lettisch zwar mehr als das Deutsche, das muß aber nicht unbedingt heißen, daß dies die Sprache schwieriger macht. So gibt es etwa einen Lokativ, der auf die Fragen wo und wann antwortet, womit eine Vielzahl von im Deutschen oder Englisches mühsam zu erlernenden Präpositionen wegfallen. Die Hauptstadt Lettland heißt Ri¯ga, auf Lettisch mit langem I; Ri¯ga¯, also auch mit langem A am Ende bedeutet „in Riga“.
Dies erzähle ich am Herder-Denkmal (Johans Gotfri¯ds Herders) in der Altstadt:
Aber es gibt auch diskussionswürdige Aspekte, so ist im Lettischen vorgeschrieben, alle fremdsprachlichen Eigennamen zu lettisieren. Und wenn mein Name lettisiert wird, dann versteht meine Mutter nicht mehr, daß ich das sein soll. Neben der Tatsache, daß ein Name m.E. zur ureigensten Identität eines Individuums gehört, hat diese Lettisierung aber auch konkrete Nachteile. Zunächst wird sie trotz vorhandener Regeln so inkonsequent durchgeführt, daß meine verschiedenen Publikationen in lettischer Sprache in der Datenbank Lursoft nicht mit Autorensuche aufzufinden sind, denn die Redaktionen haben mindestens vier verschiedene Varianten erdacht wie Re¯tcs, Re¯tss oder auch Re¯ts. Und deshalb wird oftmals auch den Rückschluß aus der lettischen Schreibweise auf das original verunmöglicht; und dann ist es für Studenten auf der Suche nach Literatur schwierig. Fraglich ist die Praxis außerdem, weil sich Laute wie das englisch „th“ nicht mit einem oder mehreren Buchstaben des lateinischen Alphabets lautmalerisch nachstellen lassen. Auch sind Zweifel berechtigt, daß ein so kleines Land wie Lettland über Philologen aller Sprachen dieser Welt verfügt, welche die richtige Aussprache kennten. Dieser Einwand bezieht sich auf den Umstand, daß die Transkription mit der Argument verordnet wird, die Wörter sollten so geschrieben werden, daß der Lette sie richtig ausspricht. Doch gerade bei Anglizismen „demping“ und dergleichen, wird dagegen regelmäßig sowieso verstoßen. Wer „Parisa“ ließt, mag zunächst auch eher an eine Stadt in Frankreich denken, die aber im Lettischen „Pari¯ze“ heißt, mit langem I. Parisa ist Paris Hilton. Das E als Endung brauchen die Letten wie bei Herders das S zum Deklinieren. Und da auch getrennte Eigennamen plötzlich zusammengeschrieben werden, kann ein geographischer Atlas zum Stolperstein werden: Nujorka, Beverlihilsa. Man möge raten, um welche Orte es sich handelt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ja, ich bin einverstanden mit Ihnen
über zusamen geschriebenen Wörter, aber nicht mit Einnahme über "Lettisch als Sprache entstanden in Zeit zwischen beiden Weltkriegen" Bitte! Besuchen Sie Museum in Riga! Erste ausgedruckte Bibel würde in Riga auf Deutsch, und Lettisch in Druckerei Glick gefertigt.

Dr. Axel Reetz hat gesagt…

Ich glaube, Sie haben meinen Text nicht ganz verstanden. In den 20er Jahren gab es eine Rechtschreibreform, welche die Balken über den Vokalen als Kennzeichnung für lange Vokale eingeführt hat.